Sonntag, 1. Dezember 2019

Herbstmondnacht auf dem Wismarer Friedhof

Herbstmondnacht auf dem Wismarer Friedhof 
(Foto Nicole Hollatz. Ich danke Dr. Anja Kretschmer, dass sie mir alle Bilder dieses Posts zur Verfügung gestellt hat.)

Gerlind Grosig mit ihrer Geige (Foto Nicole Hollatz)
Die Herbstmondnacht ist eine ganz besondere Veranstaltung, bei der Kirchengrüfte und Mausoleen auf Friedhöfen für Besucher geöffnet werden. Dr. Anja Kretschmer hat sie 2013 ins Leben gerufen und an verschiedenen Orten realisiert. Im ersten Jahr waren so das Beinhaus und die Grüfte im Doberaner Münster zugänglich; im Jahr darauf die Grüfte auf dem Alten Friedhof sowie im Dom St. Nikolai in Greifswald; 2015 fand die Veranstaltung dann in der Stralsunder St. Marien Kirche und 2017 im Lübecker Dom statt. 2018 gab es erstmalig eine zweitägige Veranstaltung, einmal in der Rostocker Marienkirche und dann auf dem Wismarer Friedhof. 
Mondnacht im Raum (Foto Thomas Reimann)

In diesem Jahr nun war der Wismarer Friedhof am 23. November von 17.00 bis 21.00 Uhr geöffnet und dazu gab es ein Programm, das sowohl die Bestattungskultur und die Jenseitsvorstellungen der Vergangenheit thematisierte. So gehörte dazu eine Theateraufführung mit dem Titel „Geistertrommler, wilde Jagd und Moortrieden“ – Mythen und Legenden aus Wismar erwachen zum Leben, ein Vortrag "Sargenhaftes Wismar“ – Hanseatische Sargkultur mit der Forschungsstelle Gruft, und eine Lesung „Geschichten aus der Gruft“ – Amüsantes und Besinnliches vom Lebensende. In den Mausoleen erklangen Musik und Gesänge. Robert Meyer spielte das Theremin, das älteste Instrument, das ohne Berührung gespielt wird; Gerlind Brosig ließ Meisterwerke der Vergangenheit erklingen; außerdem gab es Gitarrenklänge mit Gesang von Scarrow und "Gänsehauttexte" erzählt bzw. vorgeführt von dem Schauspieler Roman Shamov. Ungefähr 100 Besucher kamen dazu auf den mit Kerzen und Fackeln beleuchteten Friedhof.

Dienstag, 12. November 2019

Der Alte Friedhof der Stadt Freiburg i. Br.

Cover der neuen Broschüre aus Freiburg
Die Gesellschaft der Freunde und Förderer des Alten Friedhofs in Freiburg i.B. (e.V.) hat diese neue Broschüre herausgegeben, die ohne weitere Vorreden nach dem Inhaltsverzeichnis gleich mit einer ausführlichen Beschreibung der St. Michaelskapelle beginnt, die 1722 gestiftet wurde und heute noch als Neubau aus der Mitte des 18. Jahrhunderts erhalten ist. Zwar wurde sie im Zweiten Weltkrieg durch Bomben stark beschädigt, doch konnten die ausgelagerten Altäre und Deckengemälde restauriert werden. Danach wird die historische Entwicklung des Friedhofs mit seinen besonderen Wahrzeichen dargestellt. Das Bekannteste unter ihnen dürfte das Grabmal mit der Plastik der jungen, auf einem Bett ruhenden Caroline Christine Walter /1859-1867) sein, das immer wieder mit Blumen geschmückt wird. Bevor die Grabstätten von Freiburger Professoren vorgestellt werden, geht ein kurzer Beitrag auf den Bildhauer, Maler und Architekten Johann Christian Wentzinger (1710-1797), der im Breisgauer Raum bekannt war. Auch dem sogenannten Uhrenpater, Thaddäus Rinderle (1748-1824), wird ein eigener Beitrag gewidmet.

Grabmal der Caroline Christine Walter (Von user:Joergens.mi
- Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0,
https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7355852
Es folgen Betrachtungen des Friedhofs als Park, bemerkenswerte Inschriften, Grabmale aus Eisen, Holzkreuze und ein längerer Artikel zur Restaurierung von Grabmalen. Besonders aufschlussreich ist ein Beitrag über verborgene Symbole, der sich den sogenannten Grotten-Grabmalen widmet und zeigt, was man alles entdecken kann, wenn man genau hinschaut: Da können sich Eidechsen, Weinbergschnecken, Efeu und Schlangen zwischen den wie Felsbrocken ausgehauen Oberflächen verstecken! Ein Plan mit Einzeichnung der wichtigsten Grabmale, sowie ein Literatur- und Abbildungsverzeichnis schließen zusammen mit einem Aufruf zum Engagement für den Friedhof die Broschüre ab, die reich bebildert ist.

Gesellschaft der Freunde und Förderer des Alten Friedhofs in Freiburg i. Br. e.V., Der Alte Friedhof der Stadt Freiburg,  68 Seiten, Broschur, zahlreiche Farbfotos, € 10,00

Mittwoch, 6. November 2019

Friedhofsleuchten in Siegburg

Friedhofsleuchten in Siegburg
(Foto Simone Kuhl - zur Verfügung gestellt vom Verein Tod und Leben e.V. Vielen Dank!)
In Siegburg hat sich der Verein TOD und LEBEN e.V. gegründet, der beim Nordfriedhof das Cafe T.O.D. (T.abu O.ffen D.iskutieren) unterhält. Es befindet sich direkt neben der Trauerhalle auf dem Friedhof und wird von ehrenamtlichen Helfern geführt. Alle Gäste sind willkommen, ob Kinder, Erwachsene oder die Angehörigen eines Verstorbenen. Im Café-T.O.D. wird bewusst über das Thema "Tod" gesprochen, wie es auf der Website des Vereins heißt, der auch Friedhofsführungen anbietet.

Friedhofsleuchten in Siegburg (Foto Simone Kuhl)
Zusammen mit der städtischen Friedhofsverwaltung hat der Verein gerade das "Friedhofsleuchten" wiederholt, zu dem viele Besucher auf den Friedhof strömten. Dazu erstrahlte er am Abend vor Allerheiligen und am Feiertag in farbigem Licht: Vom Eingang bis zum Friedhofs-Kreuz - eine 150 m lange Strecke - tauchten 40 LED-Spots und 20 große LED-Fluter Bäume und Gräber in Regenbogenfarben. Das Friedhofs-Kreuz erstrahlte als Zielpunkt in hellem, weißen Licht. Die Symbolkraft des Regenbogens führte so als Weg zum christlichen Symbol des Todes und der Auferstehung. In der Trauerhalle gab es außerdem Musik zu hören und Rüdiger Kaun, Germanist und Philosoph, las aus seinem Buch "Rechtfertigung eines Heiratsschwindlers und andere Texte".

Auch zur Auftaktveranstaltung der Siegburger Literaturwochen am folgenden Wochenende war der Friedhof noch angestrahlt. Alexandra Friedmann stellte in der Trauerhalle ihr neues Buch "Sterben für Anfänger" vor, in dem um das Leben und die Konfrontation mit dem Tod geht. Auch die Siegburger Zeitung hat über diese Aktion berichtet.



Dienstag, 5. November 2019

Mein Stadtteil - Mein Friedhof

Friedhofskampagne: Plakatierung in Dresden (Foto Lara Schink)
Der Wandel der Bestattungskultur hat auf vielen Friedhöfen in Deutschland das Problem der sogenannten Überhangflächen mit sich gebracht und einige Friedhöfe sind inzwischen sogar von Schließung bedroht. Überhangflächen nennt man jene Bereiche, die sich immer mehr leeren und eigentlich nicht mehr gebraucht werden; zum Beispiel weil die Menschen die Kremation bevorzugen und deshalb nicht mehr so viel Platz für Erdgräber gebraucht wird, oder weil man sich ganz vom Friedhof abwendet und Bestattungswäldern oder einer Seebestattung den Vorzug gibt.

Inzwischen wird diese Problematik auch in der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen. Auf den großen Kongress "Heilsame Abschiede", der gerade in Köln stattfand und in dem das Thema Friedhof als Ort der Trauer im Mittelpunkt stand, ist in diesem Blog im letzten Post ja gerade hingewiesen worden. Zugleich engagieren sich nicht nur Friedhofsvereine, sondern auch Friedhofsverwalterinnen (Männer dürfen sich in diese Bezeichnung eingeschlossen fühlen) dafür, ihre Friedhöfe in der Öffentlichkeit zu bewerben und auf ihre Bedeutung hinzuweisen.

Friedhofskampagne: Plakatierung in Dresden (Foto Lara Schink)
Auf bisher ungewöhnliche Weise ist man in Dresden aktiv geworden. Dort haben sich die Verwalterinnen der kirchlichen Stadtteilfriedhöfe zu einem Netzwerk zusammengeschlossen und sind erstmals mit einer "Imagekampagne" an die Öffentlichkeit getreten: In diesem November machen einfarbige Großplakate in der Stadt auf das Thema aufmerksam. Darauf sind unter dem Titel "Mein Stadtteil, mein Friedhof" Graphiken mit Grab- und Friedhofsmotiven zusammen mit Texten zu lesen, die sozusagen augenzwinkernd auf das Thema Friedhof und Bestattung hinweisen, indem sie die Vorzüge der Stadtteilfriedhöfe hervorheben: "Eine gute Adresse in der Nachbarschaft: denkmalgeschützt mit eigenem Gartengrundstück", "Wohnen bleiben, wo das Leben spielt - mit idealer Verkehrsanbindung mitten im Grünen" oder "Nach dem letzten Umzug immer gut erreichbar - individueller Wohnraum in ruhiger Nachbarschaft". Dazu gibt es Postkarten mit denselben Motiven und auch im Fahrgastfernsehen werden die Bilder gezeigt.

Ziel ist es damit sowohl auf den individuellen Charakter der Stadtteilfriedhöfe aufmerksam zu machen, wie ihre gute Erreichbarkeit und die gepflegten Grünanlagen in dem Mittelpunkt zu stellen. Gleichzeitig präsentieren sich die evangelischen Stadtteilfriedhöfe Friedhöfe gemeinsam online (www.dresdner-stadtteilfriedhoefe.de) und werden dort als Orte der Besinnung, des Gedenkens, aber auch der Kultur und Begegnung beworben. Die Initiatorinnen hoffen so, auch die Wahrnehmung ihrer Arbeit zu stärken, in der sie sich für Flora, Fauna und das historische Erbe der Anlagen engagieren, aber auch für trauernde Angehörige da sind. Zugleich sind gerade die Dresdener Friedhöfe in ihre jeweiligen Stadtteile eingebunden und gut an den öffentlichen Personennahverkehr angebunden. Mit solchen Argumenten wollen sie dem Wandel begegnen und die Bewohner Dresdens überzeugen, die letzte Ruhestätte vor Ort anderen Bestattungsmöglichkeiten vorzuziehen. Wer mehr darüber wissen will, kann sich dazu auch ein Interview mit der Sprecherin des Netzwerks und Friedhofsverwalterin im Verband der Annenfriedhöfe Dresden, Lara Schink, ansehen.

Montag, 4. November 2019

trauer/now - ein Kongress und eine neue Website

Matthias Horx und Dirk Pörschmann
beim Podiumsgespräch (Pressefoto: THOMAS SCHLORKE)
Der Kongress "Heilsame Abschiede" in Köln am 25.10.2019 hat über 300 Besucher angelockt, obwohl das Thema eigentlich nicht besonders medienwirksam ist. Es ging hauptsächlich um den Ort der Trauer und speziell um Friedhöfe. Leider konnte ich nicht daran teilnehmen, aber es gibt im Netz schon einige Berichte. Gefunden habe ich sie bei Aeternitas, Friedhof-Ansichten und Naturstein-Online, aber es werden sicher noch weitere dazu kommen z.B. in Friedhof und Denkmal, Friedhofskultur oder Bestattungskultur. Will man einige Beiträge selbst lesen, so sei hier auf die Presseseite des Kongresses hingewiesen.

Den drei o.g. Berichten kann man entnehmen, dass es in diesem Kongress vorrangig um die Bedürfnisse der Trauernden auf dem Friedhof ging. Zu diesem Thema haben die beiden Soziologen Thorsten Benkel und Matthias Meitzel geforscht, die in diesem Blog schon öfter erwähnt wurden. Ihre These ist, dass Menschen ihr Leben immer individueller gestalten können und sich deshalb auch am Ort der letzten Ruhe diese Individualität abbilden müsse. Gesetzliche Regelungen, die dem entgegenstehen, sollten geändert werden.

Die Experten für Landschaftsplanung Constanze Petrow und der Holländer Bart Brands stellten ihre Konzepte zur Friedhofsplanung vor, die unterschiedliche Freiräume für kulturell unterschiedlich geprägte Menschen enthalten, während David Roth, Sohn und Nachfolger des innovativen Bestattungsunternehmers in Bergisch Gladbach seinen privaten Urnen-Friedhof, der Hinterblieben viel Freiraum für individuelle Gestaltung erläuterte.

Daneben wurde auch die psychologische Sicht auf die Trauer zum Thema gemacht. Fazit war offenbar, dass es den heutigen Bestattungsgesetzen an Lebensnähe fehlt, weil es für die Trauer zwar verbindliche Orte, aber nicht unbedingt Vorschriften für ihre Ausgestaltung braucht. Deutlich wird dabei der gesellschaftliche Wandel der letzten hundert Jahre, der ausgehend von einer Gesellschaft, in der jedes Grab - um mit den Friedhofsreformern um 1920 zu sprechen - ein ästhetisch ansprechender Platz in einer Reihe ähnlich gestalteter Gräber sein sollte, hin zur vollständigen persönlichen Freiheit in der Grabgestaltung ohne oder mit sowenig Richtlinien wie möglich.

Parallel zum Kongress wurde die neue Website https://trauer-now.de/ und darauf die "Erste menschliche Sterbeuhr - Rechtzeitig über Trauer reden" veröffentlicht; eine neue Initiative, mit der die Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e.V. Denkanstöße für eine neue Trauerkultur in Deutschland geben will. Die Website soll als "DAS ONLINE­MA­GAZIN FÜR HEIL­SAMES TRAUERN" Antworten auf die Fragen geben, welche Orte die Trauer braucht, welche Rituale helfen, und wie andere Menschen oder Kulturen mit der Trauer umgehen.

Donnerstag, 31. Oktober 2019

Halloween

Dieses Foto habe ich vor zwei Monaten in einer Fußgängerzone gemacht. Da warf das "Fest" sozusagen schon seine Schatten voraus. Und jetzt hat gestern das mit dem "Planen" der Veröffentlichung in den Post-Einstellungen von Google-Blogspot wieder mal nicht richtig funktioniert, deswegen kommen die Skelette einen Tag zu spät!
Halloween


Donnerstag, 24. Oktober 2019

Autonomie der Trauer - Zur Ambivalenz des sozialen Wandels

Cover des neuen Buches von Benkel,
Meitzel, Preuß im Nomos Verlag
Die beiden Soziologen Thorsten Benkel und Matthias Meitzler publizieren sich schon lange zu Friedhofsphänomenen. Darüber wurde auch in diesem Blog schon berichtet. Zwischen 2015 und 2018 haben sie Menschen interviewt, die sich - entgegen dem in Deutschland geltendem Recht - die Asche ihrer verstorbenen Angehörigen aushändigen ließen, um sie nicht auf einem Friedhof zu bestatten, sondern in den eigenen Räumen aufzubewahren, im eigenen Garten beizusetzen oder in der Natur auszustreuen. Eine erste Auswertung ihrer Interviews legen sie zusammen mit dem Theologen Dirk Preuß in dieser Studie vor.

Einleitend definieren die Autoren die im Titel genannte "Autonomie der Trauer" als einen "Aspekt der Mit- bzw. Selbstbestimmung", die sich auch nicht nur auf das eigene Leben sondern auch auf den Tod, bzw. genauer den Umgang mit den Überresten Verstorbener bezieht. In den folgenden Kapiteln beschreibt dann Thorsten Benkel unter dem Titel "Mitbestimmte Trauer - Soziologie einer Sinnkonstruktion" die Trauer soziologisch einerseits "unter den Vorzeichen von Individualisierung und Pluralisierung" und andererseits in Bezug auf die Normen, denen die Bestattung in Deutschland unterliegt. Matthias Meitzel diskutiert danach die von den beiden Wissenschaftlern angewandte Interviewmethode mit ihren Möglichkeiten und Grenzen für die Erforschung der Trauer als kultureller Praxis. Dass solche Gespräche sehr intensiv sein können und dass in dieser Situation Gefühle eine besondere Rolle spielen, zeigt schon der Titel dieses Abschnitts: "Keine Angst vor echten Tränen. Die Erforschung von Trauer als methodologische Herausforderung".

Die Interviews bilden die Grundlage für den folgenden Abschnitt "Rekonstruktion von Trauererfahrungen", in dem die Autoren den Mentalitätswandel mit Passagen aus den Interviews belegen. Für sie hat sich anhand ihrer Interviews und auch anhand von Umfrage- und ethnografischen Daten herausgestellt, "dass eine immer stärkere Ausdifferenzierung das öffentliche Image von Trauer und Trauern kennzeichnet. Mit anderen Worten: Es gibt nicht 'die Trauernden', sondern kultur-subjekt- und durchaus auch situationsspezifische Trauerfigurationen." Dabei geht es den Autoren "um ein Kaleidoskop kursierender Einstellungen und Einschätzungen am Beispiel eines im Umbruch befindlichen gesellschaftlichen Phänomens". Die Interviewpassagen sind dann unter sechszehn Obertiteln kategorisiert, die von den Gründen für die Teilnahme an der Studie, über die Entscheidungsfindung; Kommunikationskonflikte im persönlichen Bereich; die eigene Trauer; die Reflexion des rechtlichen Rahmens; den Aufbewahrungsort der Asche; die Frage, ob Trauer einen Ort braucht; zu den Gründen für die Entscheidung gegen den Friedhof und den Wünschen für die eigene Bestattung reichen.

Den Abschluss bildet die ethischen Überlegungen, die Dirk Preuß über die Normen im Umgang mit Trauernden anstellt. Sein Fazit ist, dass man Angehörigen nicht unbedingt empfehlen sollte, die Asche eines Angehörigen mit nach Hause zu nehmen und/oder sie außerhalb eines Friedhofs auszustreuen. Allerdings zieht er daraus nicht die Schlussfolgerung, dass man diese Mitnahme verbieten sollte. Immerhin würde seiner Ansicht nach eine "nicht geringe Zahl von Menschen" davon profitieren, wenn der Umgang mit der Totenasche liberalisiert würde. Als Alternative schlägt er vor, auf Friedhöfen kostenfrei Gräber anzubieten, die "im Sinne der Daseinsvorsorge z.B. steuerfinanziert sind". Dann würden bei der Freigabe der Urnen, diese nämlich nicht aus Kostengründen, sondern nur aus Überzeugung mit nach Hause genommen werden. Zudem könnte man sie dann später immer noch einem Friedhof übergeben, wenn die akute Trauer soweit abgeklungen ist, dass die Nähe der Totenasche nicht mehr von derselben Bedeutung ist wie direkt nach dem Tod.

Abschließend stellen die Autoren acht Vorschläge vor, wie dem von ihnen beobachteten Einstellungswandel begegnet werden könnte. Sie fordern so zum Beispiel weitere wissenschaftliche Expertise im sepulkralen Bereich und schlagen vor die bisherigen normativen Regelungen zu hinterfragen und zwar besonders deshalb, weil ihrer Meinung nach der Friedhof oft als Ort der Verbote wahrgenommen wird anstelle eines Ortes, an dem sich "Trauer frei und uneingeschränkt entfalten kann". Sie stellen die Einzigartigkeit der jeweiligen Trauer im Gegensatz zu dem kollektiv normierten Trauerverhalten der Vergangenheit heraus und glauben, dass die heute zu beobachtende Friedhofsflucht reversibel ist, wenn Friedhöfe eigene Alternativen zu den sogenannten alternativen Bestattungsformen entwickeln. In Zukunft erwarten sie zudem eine größere Nachfrage nach "funeraler Vielfalt". Für die Aufbewahrung der Totenasche schlagen sie kluge "Interimslösungen" vor, die den Friedhofszwang einerseits nicht vollständig aufheben, andererseits aber eine längere Frist zum Abschiednehmen ermöglichen. Zum Schluss weisen sie zudem auf die Verbindung des konkretem Bestattungsort mit den unterschiedlichen Gedenk-Orten hin, die z.B. im Internet bestehen und dort immer weiter anwachsen.

Thorsten Benkel, Matthias Meitzler , Dirk Preuß, Autonomie der Trauer. Zur Ambivalenz des sozialen Wandels. Nomos Verlag 2019, 220 S., broschiert, 44,- €*