Montag, 13. Februar 2017

Das Mittelmeer und der Tod

Titelseite von Das Mittelmeer und der Tod
In dem Band "Das Mittelmeer und der Tod. Mediterrane Mobilität und Sepulkralkultur" sind die Beiträge einer gleichnamigen Tagung im Jahr 2015 versammelt, in der ein interdisziplinärer Blick auf die sepulkrale Geschichte und Gegenwart des Mittelmeerraumes geworfen wurde.

Für das Thema "Historische Friedhöfe", dem dieses Blog gewidmet ist, sind allerdings nur wenige Beiträge relevant, da sich viele mit abgelegen archäologischen Einzelthemen befassen, wie man dem Inhaltsverzeichnis leicht entnehmen kann. Trotzdem sei hier auf einzelne Studien hingewiesen: So fasst Norbert Fischer in seinem einführenden Aufsatz seine Forschungen über den maritimen Tod und maritime Gedächtnislandschaften zusammen. Hans-Peter Laquer fragt nach den sozialen Aspekten, die die Wahl des Bestattungsortes in Istanbul hatte, und gibt dabei zugleich einen kenntnisreichen Überblick über die Friedhofsgeschichte dieser Weltstadt. Dieter Richter stellt an den in Italien angelegten „Cimiteri acattolici“ die Ausgrenzung Andersgläubiger im Sinne einer Schärfung der eigenen Identität dar, die sich historisch erst im Rahmen monotheistischer Religionen fassen lässt. Ihr ältestes Beispiel, der Friedhof für Protestanten in Rom, feiert übrigens gerade in diesem Jahr sein 300 jähriges Bestehen. Thorsten Kruse stellt dar, wie sich die zerrissenen politischen Verhältnisse auf Zypern nach der Teilung der Insel im Jahr 1974 im Umgang mit den Grabstätten der jeweils anderen Partei widerspiegeln. Jürgen Hasse berichtet über seine Forschungen über den Umgang mit Strandleichen im Mittelmeerraum, deren Bestattung kaum durch Quellen belegt ist. Dagegen wenden sich Nefeli Angeliki Bami und Reiner Sörries der Gegenwart zu und haben jeweils unter einer bestimmten Perspektive das Thema Migration in den Mittelpunkt ihrer Untersuchungen gestellt.

Damit sind die Beiträge zu historischen Friedhöfen benannt. Daneben enthält der umfangreiche Band natürlich noch eine Reihe von weiteren Beiträgen, die weit in die antiken Kulturen zurückreichen und sehr unterschiedliche Quellen untersuchen.

Insgesamt ergeben die unterschiedlichen thematischen Kombinationen und die interdisziplinäre Ausrichtung in diesem Tagungsband spannende Korrelationen bzw. Gegensätze zwischen einzelnen Aspekten und Herangehensweisen. Wie die Herausgeber anmerken, ist das Thema damit allerdings noch lange nicht abschließend behandelt, was bei der Fülle der zeitlichen, kulturellen und räumlichen Aspekte, die darin angerissen werden, auch nicht verwundert.

Alexander Berner, Jan-Marc Henke, Achim Lichtenberger, Bärbel Morstadt, Anne Riedel (Hg.)
Das Mittelmeer und der Tod. Mediterrane Mobilität und Sepulkralkultur. Verlag Wilhelm Fink, Paderborn 2016, 543 Seiten, zahlr. schw.-w. Abb.

Sonntag, 29. Januar 2017

Transmortality International: "Materiality and Spatiality of Death, Burial and Commemoration


In diesem Jahr findet zwar keine Transmortale in Kassel statt, dafür aber die "Transmortality International", die mit einem breiten Themenspektrum zur Materialität und Räumlichkeit von Tod, Bestattung und Erinnerung aufwartet, an dem auch deutsche Vortragende beteiligt sind. Das Programm und die Anmeldungsmöglichkeiten stehen im Flyer.

Flyer der Transmortality International




Dienstag, 17. Januar 2017

Bd. 5 "Großes Lexikon der Bestattungskultur" ist erschienen!


Bd. 5, Großes Lexikon der Bestattungskultur
Das Kasseler „Große Lexikon der Bestattungskultur“, herausgegeben vom Kasseler Zentralinstitut für Sepulkralkultur, ist jetzt um den Band 5 angewachsen. Allerdings steht der Band 4 noch aus. Das gerade herausgekommene Buch ist den Männern und Frauen – die Männer befinden sich auch hier einmal wieder eindeutig in der Mehrzahl – gewidmet, deren Wirken in den Bereichen der Sterbe-, Bestattungs-, Friedhofs-, Trauer- und Erinnerungskultur besonders bedeutsam war und ist. Es werden sowohl Persönlichkeiten der Gegenwart vorgestellt, die innovativ an der Entwicklung der Sepulkralkultur teil hatten und haben, wie historische Personen, die für die Geschichte der Bestattung bedeutsam waren.

Da ich selbst an diesem Buch mitgeschrieben habe, kann ich sagen, dass man darin eine Vielzahl von interessanten Charakteren kennen lernen kann. Gerade über die jüngste Vergangenheit mit ihren vielen neuen Ideen und Protagonisten kann man sich hervorragend informieren, besonders da das Stichwortverzeichnis am an Ende die unterschiedlichen Namen noch einmal unter verschiedenen Aspekten zusammenfasst. So kann man sich z.B. umfassend ebenso über die Friedhofsreformer im 20. Jh. wie über Extropianer der Gegenwart informieren. Extropianer sind übrigens Jünger von Thimothy Leary, der im letzten Jahrhundert durch seine Drogenexperimente auf sich aufmerksam machte. Er propagierte den Glauben an eine mögliche Lebensverlängerung bis zur Unsterblichkeit.

Querverweise auf die bisher erschienenen Bände 1-3 – sie decken die Bereiche Volkskunde und allgemeine Kulturgeschichte, Archäologie und Kunstgeschichte, sowie Gegenwart und Praxis ab – ermöglichen zudem einen breiten Zugang zu den unterschiedlichsten Themenbereichen. So ist mit dem neuen Band das groß angelegte Lexikon der Bestattungskultur noch umfassender geworden.

Zentralinstitut für Sepulkralkultur Kassel (Hg.), Großes Lexikon der Bestattungs- und Friedhofskultur. Wörterbuch zur Sepulkralkultur, Band 5: Biographien, bearbeitet von Reiner Sörries u.a., Fachhochschulverlag 2017, 265 S., zahlreiche schw.-w. Abb.  Preis: 44.00 €

Montag, 9. Januar 2017

"O Ewigkeit, du Donnerwort"

Unter diesem Titel lädt die Arbeitsgruppe Sächsische Gartengeschichte in Dresden zu seinem 10. Kolloquium im Jahr 2017 ein:


Programme und Kurzberichte der bisherigen Kolloquien sind hier veröffentlicht.

Mittwoch, 14. Dezember 2016

Gedächtnislandschaften in Geschichte und Gegenwart

Buchcover: Fischer, Gedächtnislandschaften
in Geschichte und Gegenwart
Norbert Fischer hat seine Vorlesungen im Rahmen der Otto-Freising-Gastprofessur an der Katholischen Universität Eichstädt dazu genutzt, seine langjährigen Forschungen zur Sepulkralkultur unter dem Begriff der "Gedächtnislandschaft" zusammenzufassen und damit seine teilweise schon einzeln veröffentlichten Fallstudien unter den "Kategorien 'Raum' und 'Landschaft' aus kulturwissenschaftlicher Perspektive mit der symbolischen Bedeutung der Gedächtniskultur" zu verknüpfen (S. 7). Ihm geht es dabei um materialisierte Formen der Gedächtniskultur, die dann zur Gedächtnislandschaft werden, "wenn sie in räumlicher und symbolischer Verdichtung gestaltet und wahrgenommen werden" (S. 9). Den Begriff Landschaft definiert er dabei als einen "als zusammenhängend und homogen empfundenen Raumausschnitt - sei es unter naturästhetischen Aspekten 'als schöner Gegend', sei es als identitätsstiftende kulturelle Formation" und damit als "kulturell geprägter Raum, der unter dem Interesse einer besonderen Formation, Gestaltung oder Organisation reflektiert wird". Landschaft wird damit zugleich sowohl zum Oberbegriff für ein bestimmtes räumlich gebundenes und materiell gestaltetes Erbe, als auch für einen Fundus von historisch, gesellschaftlich und kulturell bestimmten Ideen und Wahrnehmungsformen. 

Freitag, 18. November 2016

Stirbt der Friedhof?

Gerade erst hat Prof. Reiner Sörries, der ehemalige Geschäftsführer des Kasseler Sepulkralmuseums und der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal, sein Buch "Ein letzter Gruß - Neue Formen der Bestattungs- und Trauerkultur" herausgebracht, da ist schon ein neuer kleiner Band von ihm erschienen, den man wahrscheinlich am besten als "Pamphlet" be
zeichnen kann. Schon der Titel fragt provokativ "Stirbt der Friedhof?" und spricht vom "Dahinsiechen traditioneller Friedhofskultur".
Sörries, Stirbt der Friedhof?
Fachhochschulverlag

In dieser Schrift geht Sörries daran, die Ursachen des von ihm antizipierten „Friedhofssterbens“ zu diagnostizieren. Rhetorisch fragt er in den Überschriften seiner Kapitel, ob es an Krankheit oder einem Unfall liegt, ob die Klimaveränderung schuld ist oder ein gewaltsamer Tod bevorsteht, ob die Umstände einfach nur so sind, ob es vielleicht sogar an der eigenen Unachtsamkeit liegt oder ob eventuell doch Rufmord am Friedhof begangen wird. Er erläutert kurz die Geschichte des „Kranken“ von der Verlegung der Bestattungsplätze seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert, über die Einführung der Feuerbestattung, die Friedhofsreform und die Veränderungen nach dem 2. Weltkrieg, als sich die Anonyme Bestattung durchzusetzen begann bis zum heutigen „Krankheitsbazillus“ in Form der Naturbestattung und anderer alternativer Bestattungsformen, die er ja gerade in seinem letzten Buch öffentlichkeitswirksam beschrieben hat.

Sörries macht dabei die - eigentlich ja wohl gesamtgesellschaftliche - Liberalisierung als gravierendes Krankheitsbild aus und beschreibt sie als Eiterblase, die mit der Aufhebung des Friedhofszwangs geplatzt sei. Die Heilungschancen gehen seiner Meinung nach gegen null (S.21). Allerdings widerspricht er seiner frühen Diagnose nach der ausführlichen Darlegung weiterer Gründe für das Sterben der Friedhöfe, wenn er am Schluss schreibt (S. 96): „Es mag schon sein, dass der Friedhof das eine oder andere Wehwehchen hat, doch die bringen ihn nicht um“ und das Fazit zieht, dass der Friedhof mehr von Trauer verstehen sollte.

Donnerstag, 10. November 2016

Vita Dubia - neue Ausgabe der Zeitschrift "Friedhof und Denkmal"

Titelseite der Zeitschrift für Sepulkralkutur "Friedhof und
Denkmal", 3/4-2016
Auf die Ausstellung "Vita Dubia" in Kassel wurde hier schon hingewiesen. Jetzt ist auch die neue Ausgabe der Kasseler Zeitschrift erschienen, die sich als Doppelheft ganz dem Thema der Ausstellung widmet. Graphisch reizvoll ist das Heft entsprechend der Themenräume der Ausstellung gestaltet. In ihnen werden die "Große Angst" vor dem Scheintod, die Persönlichkeit Wilhelm Hufelands, das Ringen um die Todeszeichen, die Apparate zur Vermeidung des Scheintods und ein Ausblick dargestellt.

Zusätzlich ist in dem neuen Heft ein Aufsatz über Vorrichtungen an Särgen abgedruckt, die möglicherweise auf die Angst vor dem Scheintod hinweisen, und in der Rubrik "Aus den Beständen des Museum" wird eine Lithografie mit dem Titel "Die Leichenessen" vorgestellt, auf der ein auferstandener Toter die Anwesenden erscheckt. Insgesamt liegt damit ein gut lesbares Kurzkompendium für die Thematik des Scheintodes vor, das jedem empfohlen ist, der sich mit dieser uns heute seltsam anmutenden Furcht beschäftigen will. Eine Leseprobe ist auf der Seite des Museums für Sepulkralkultur abrufbar.

Friedhof und Denkmal - Zeitschrift für Sepulkralkultur, Kassel 3/4-2016/61. Jg./ H 20682, 62 S. zahlreiche farbige Abbildungen, 8,00 Euro