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Mittwoch, 3. März 2021

Pflanzen leben auf - auf Friedhöfen

Breitblättrige Stendelwurz                       
Kaum habe ich den letzten Post über Biodiversität auf Friedhöfen geschrieben, bekomme ich einen Zeitungsartikel über eine Untersuchung der Mühlheimer Friedhöfe im letzten Jahr. Darin wird berichtet, dass die Botanikerin Corinne Buch dort fast 400 Pflanzenarten gefunden hat, darunter zahlreiche, die in dieser Gegend als ausgestorben oder gefährdet gelten, so z.B. den Knolligen Hahnenfuß, Fremden Ehrenpreis, Gewöhnliches Filzkraut, Niederliegende Schiefblatt-Wolfsmilch und andere Pflanzen, die nur von Kennern erkannt werden. Sogar die Breitblättrige Stendelwurz, eine Orchideenart, ist dort zu finden.

Bei ihrer Untersuchung hat die Botanikerin alles aufgenommen, was "von alleine gekommen ist", als nicht die Bepflanzung der Gräber oder die Plätze, die von den Friedhofsgärtnern betreut werden. Ihre Ergebnisse hält sie für übertragbar auf das ganze Ruhrgebiet. Und damit ist auch die Empfehlung klar: Die Friedhöfe müssen - auch wenn in immer größeren Flächen dort niemand mehr bestattet wird, unbedingt in Ruhe gelassen werden. Sie sind wichtig für die Pflanzen und die Tiere, für Kleinklima, Wasserhaushalt, C02-Speicherung und auch für die Naherholung in unseren immer dichter bebauten Städten. Sie sind für die biologische Vielfalt auch in Deutschland unersetzbare Lebensräume. Dort haben sich seltene Pflanzenarten gehalten, gerade weil diese Orte so lange unbebaut und nicht landwirtschaftlich genutzt und auch nicht gedüngt oder anders gärtnerisch behandelt werden. 

Und nicht nur seltene Pflanzen hat die Botanikerin auf den Friedhöfen gefunden, auch die Tierwelt auf den Friedhöfen soll in Mühlheim untersucht werden. Denn sie hat u.a. die Blauflügelige Ödlandschrecke gesichtet und ihr fiel vor allem der Reichtum an Wildbienen auf, die besonders gefährdet sind. 

Der oben genannte Artikel stammt aus der WAZ (Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Aus der Region, vom Dienstag, 17 . November 2020

Literatur: C. Buch, P. Keil,(2020): Friedhöfe tragen zur urbanen Biodiversität bei. Ergebnisse einer floristischen Kartierung in Mülheim an der Ruhr, in: Natur in NRW 45 (2), S. 22-27.

Bildnachweis:  Von Ivar Leidus - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=94961164

Freitag, 26. Februar 2021

Friedhöfe als Brennpunkte der Biodiversität


Herbst auf dem Ohlsdorfer Friedhof (Foto Britta Heitmann 2020) 
Die Website "Scientific American" titelte am 24. Februar "Graveyards Are Surprising Hotspots for Biodiversity" zusammen mit dem Untertitel, dass sogar die kleinsten Bestattungsplätze helfen könnten, natürliche Habitate in Agrarlandschaften zu erhalten. 

Untersucht wurden kleine chinesische Bestattungsplätze innerhalb von Getreidefeldern, die nur einem zum Qingming Fest von den Angehörigen besucht werden, so dass sich ansonsten die Natur ungestört entwickeln kann. Sie sind nicht nur friedliche Orte der Erinnerung an die Vorfahren, sondern auch "botanische Miniaturkonserven", heißt es in dem Artikel: Selbst die kleinsten Grabstätten tragen dazu bei, Flecken von relativ unberührtem Lebensraum in einer der am stärksten bewirtschafteten Regionen Chinas zu erhalten, so dass die untersuchenden Biologen von der unerwarteten Einzigartigkeit und Vielfalt der Pflanzenbeeindruckt waren. Für die der Aussage zugrundeliegende Studie wurden Pflanzenerhebungen auf 199 Familienfriedhöfen, die inmitten von Weizenfeldern liegen, in der Provinz Hebei in China durchgeführt. Sie hatten eine Fläche von zwei bis 400 Quadratmetern. Zum Vergleich wurden Pflanzen in zufällig ausgewählten Parzellen ohne Bestattungen auf den Weizenfeldern und an den Feldrändern hinzugezogen. Fast die Hälfte aller Friedhofspflanzen waren wichtige Nahrungsressourcen für Insektenbestäuber. Auf den Weizenfeldern war dagegen nur rund ein Drittel der einheimischen Pflanzenarten insektenbestäubt. Und obwohl die Feldränder die gleiche Gesamtzahl an Pflanzenarten enthielten wie die Friedhöfe, wurden dort nur etwas mehr als ein Viertel davon von Insekten bestäubt. Die Friedhöfe zeigten auch eine größere Artenvielfalt an jedem Standort als die Ränder. Damit können Friedhöfe ein stabiles Zuhause für Insektengemeinschaften sein.

Offenbar, so heißt es in dem Artikel weiter, erkennen die Forscher gerade erst die Rolle von Grabstätten als Schutz der biologischen Vielfalt. So fand man auf Friedhöfen in der Türkei seltene Orchideen und auf Bestattungsplätzen in Bangladesch eine Vielzahl von Heilpflanzen entdeckt. In der Ukraine wurden alte Grabhügel gefunden, bei denen die letzten Überreste der schwindenden Steppenwiesen Europas Schutz finden. In Bundestaat Illinois der USA tragen mehr als 40 Friedhöfe, auf denen frühe europäische Kolonisten begraben wurden, die gefährdete Prärievegetation, die durch moderne landwirtschaftliche Praktiken weitgehend ausgelöscht ist. Fast die Hälfte von Ihnen ist durch die Nature Preserves Commission (INPC) geschützt. Sie gelten sozusagen als "Zeitkapseln", die eine etwas veränderte Version der Landschaft zeigen als die, welche die europäischen Siedler vorfanden.

Die Studien zeigen, wie wichtig es ist, auch kleinste Flecken von Nichtkulturvegetation in landwirtschaftlichen Gebieten zu erhalten. Zu hoffen ist, dass die Ergebnisse Landwirte und politische Entscheidungsträger ermutigen, Friedhöfe nicht nur wegen ihres kulturellen, sondern auch und besonders wegen ihres ökologischen Wertes besonders in solchen Gebieten zu erhalten, in denen die industrielle Landwirtschaft oberste Priorität hat. Wie weit solche Erkenntnisse auch für deutsche historische Friedhöfe wichtig sind, die ja auch ökologische Nischen - allerdings oft in der Stadtnatur - bilden, ist nach meiner Kenntnis noch nicht untersucht worden.