Donnerstag, 27. Juni 2013

Zum Umgang mit historischen Friedhöfen in Russland

Seitdem ich mich über die Friedhöfe in Tula informiert habe, stehe ich offenbar auf einer E-mail-Liste des Verbandes Russischer Beerdigungs- und Krematoriumsunternehmer. So habe ich auch eine Einladung mit dem Programm der Tagung und der Hauptversammlung der Union der Begräbnis- und Krematoriumsorganisationen (SPOC) erhalten, die vom 4. bis 6. Juli in St. Petersburg stattfinden. Nun gehört das Beerdigungsgeschäft in Russland eigentlich nicht wirklich zu meinen Hauptinteressen, aber neugierig, wie ich nun einmal bin, habe ich mir das Programm vom Google-Übersetzer denn doch einmal ins Deutsche übertragen lassen.

Grabmal des Kanzlers Nesselrode
auf dem Smolensker lutheraischem Friedhof
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license Foto: Vitold Muratov.
Da geht es um professionelle Standards und staatliche Dekrete, aber auch um die Krise der Beerdigungs-industrie in Russland und "Die Zukunft der Bestattungskultur". In Workshops werden dann unter anderem "Aktuelle Probleme der Organisation der Friedhöfe", regionale und internationale Erfahrungen mit der Organisation von Friedhöfen und Probleme der ehemaligen Grabstätten, sowie um eine Analyse des Denkmalmarktes und die Ergebnisse einer Bestandsaufnahme der Friedhöfe der Stadt Ulyanovosk behandelt; der Stadt, in der Lenin geboren wurde.

Ich habe im Internet gesucht und gefunden, dass es in dieser Stadt mindestens einen aktiven Historiker gibt, der sich auch für Friedhöfe interessiert. Vyatcheslav Nikolayevitch Ilyin hat 2001 ein Buch über "Kirchen und Friedhöfe in Ulyanovosk" herausgegeben. Möglicherweise ist er die treibende Kraft hinter dieser Bestandsaufnahme. 

Abends besuchen die Teilnehmer den Serafim-Friedhof, auf dem auch die Toten der deutschen Belagerung St. Petersburgs im 2. Weltkrieg bestattet sind. Weitere Besuche führen am letzten Tag zum Alexander-Newski-Kloster mit seiner Nekropole aus dem XVIII. Jahrhundert, zur Nekropole der Künstler, zum orthodoxen Friedhof von Smolensk mit der Kapelle der Heiligen  Xenia, sowie zu dem lutherischen und dem armenischen Friedhof dieser Stadt, die zusammen mit orthodoxen Friedhof auf der Dekabristen-Insel liegen.

Der lutherische Friedhof ist einer der größten und ältesten nicht-orthodoxen Friedhöfe der Stadt. Bis in das frühe 20. Jahrhundert war er einer der wichtigsten Bestattungsplätze der deutschen Bevölkerung. Darauf, dass es dort Probleme gibt, weist eine kurze Nachricht auf der Website der oben genannten Organisation hin: Man glaubt es kaum, aber auf diesem berühmten Friedhof, dessen Ursprünge aus dem 12. Jahrhundert stammen, soll gerade ein Hotel errichtet werden! Der Friedhof ist heute aufgelassen, aber es sind noch Grabsteine mit Inschriften erhalten. Allerdings macht der Ort einen deprimierenden Eindruck. Eine russische Zeitung schreibt, dass er Obdachlosen und Liebhabern von Picknicks als Aufenthaltsort dient, wobei besonders die letzteren offenbar ihren Müll überall herum liegen lassen.

Immerhin scheint sich an diesem Bebauungsplan ein Konflikt zu entzünden. Vielleicht setzen sich ja auch die Beerdigungsunternehmer und Krematoriumsbetreiber nach ihrem Besuch für die Erhaltung dieses und anderer historischer Friedhöfe in Russland ein.


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