Dienstag, 17. Juli 2018

Erinnerungslandschaften - Friedhöfe als kulturelles Gedächtnis

Cover des Buches "Erinnerungs-landschaften"
Aleida Assmann erhält in diesem Jahr zusammen mit ihrem Mann Jan Assman den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Da ihr Forschungsschwerpunkt seit den 1990er Jahren insbesondere auf den Themen kulturelles Gedächtnis, Erinnerung und Vergessen liegt, hat ihre Arbeit auch die Beiträge stark beeinflusst, die 2015 auf Tagung "Funerale 5" in Rostock gehalten worden sind. Entsprechend häufig wird sie in dem im Titel genannten Buch zitiert, in dem die Vorträge der Tagung inzwischen publiziert worden sind.

Schon in der Einführung der beiden Herausgeber Thomas Klie und Sieglinde Sparre werden die Friedhöfe in ihrer Zwitterform als "Trauerorte und langlebige Biotope des regionalen Gedächtnisses" benannt. Damit weisen die beiden Autoren auch auf eine Grundlage dieser besonderen Orte im gesellschaftlichen Lebensraum hin, die nicht immer von allen Akteuren gesehen wird: Verstorbene und ihre letzten Ruhestätten gehören nicht nur ihren Angehörigen, sondern sind auch Teil des kollektiven Gedächtnisses. Auf Friedhöfen vermischen sich "Privates und Öffentliches, individuelle Grabstelle und öffentlicher Raum". Damit nimmt das kulturelle Gedächtnis dort eine räumliche Gestalt an, die durch das Aufsuchen eines bestimmten Platzes (Grabes) oder durch das Durchwandern erfahren werden kann. So war denn auch das Anliegen dieser Tagung den Kirchen und Kommunen als Friedhofsträgern und Erinnerungsgemeinschaften ein Diskussionsforum darüber zu eröffnen, wie öffentliches und privates Gedenken in eine sinnvolle Gestalt gebracht werden können. Gleichzeitig sollte diese Diskussion interdisziplinär an den Wissenschaftsdiskurs angeschlossen werden. 

Zusammengekommen sind Beiträge, die nicht nur den Friedhof sondern auch andere Räume des Todes aus sehr unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Als erstes zeigt Ulrike Wagner-Rau in praktisch-theologischer Perspektive die unterschiedlichen Räume auf, die der Tote auf seinem Weg zur "ewigen" Ruhe durchmisst (nur als Anmerkung: die ewige Ruhe ist auf christlichen Friedhöfen ebenso befristet wie auf kommunalen Begräbnisplätzen!). Ihr geht es dabei nicht vorrangig um das kulturelle Gedächtnis, sondern auf die psychologische Bedeutung der verschiedenen Orte für die Trauerarbeit. Norbert Fischer wirft einen Blick auf die Kulturgeschichte des Friedhofes bis in die Gegenwart hinein und interpretiert den Friedhof als Landschaftsraum, der immer wieder von Neuem mit Bedeutung versehen wird. Annette Dogerloh verweist "auf einige ungewöhnliche Varianten und Ansätze" der Friedhofskultur um 1800. Dabei geht es ihr um wegweisende Lösungsversuche im Spannungsfeld zwischen individuellem und kollektiven Totengedenken und dem damaligen Umgang mit "Natur". Birgit Franz und Georg Maybaum gehen auf denkmalpflegerische und bau-kulturelle Aspekte der Gegenwart ein, verbunden mit der Beziehungsarbeit des Erinnerns, die ihrer Ansicht nach verlässliche Orte braucht. Antje Mickan deutet typische räumliche Charakteristiken und Ordnungen öffentlicher Grabangebote semiotisch und plädiert dafür die Gedächtnis- und Erinnerungsfunktion von Räumen, die in ritueller Praxis bei Bestattungsfeiern konstituiert werden, weiter zu erforschen. Von der anderen Seite her untersucht Sieglinde Sparre den Übergang vom kommunikativen ins kulturelle Gedächtnis an verschiedenen Bestattungsformen, wie z.B. dem anonymen und dem halb-anonymen Urnengrab. Thorsten Benkel und Matthias Meitzler nähern sich aus soziologischer Perspektive dem Erinnerungsraum Friedhof und fragen zum einen, was genau erinnert wird, beziehungsweise zum anderen wie die Form der Erinnerung - am Beispiel der Fotografie auf Grabmalen - aussieht. 

Während dies Beiträge sich alle mehr oder weniger auf Bestattungsorte im realen Raum beziehen, weitet sich der Blick mit dem Beitrag von Anne-Katrin Hillebrand auf Übergänge und Überlagerungen des individuellen und des kulturellen Gedächtnisses, die in literarischen Räumen zu finden sind. Nach diesem Text findet sich sofort wieder ein inhaltlicher Sprung hin zu einer Perspektive, die das kollektive Gedächtnis fast ganz außer Acht lässt, wenn David Roth - bekannt durch den ersten privaten Friedhof in Deutschland - fordert, dass Friedhöfe für Angehörige Orte sein müssen, die ihnen alle Möglichkeiten der Gestaltung offen lassen. 

Ein weiteres Thema führen Anja Kretschmer und Michael Wolf ein, die aus unterschiedlichen Blickwinkeln zeigen, wie "Erinnerungslandschaften unter den Bedingungen enttraditionalisierter Lagen kultur-bzw. religionspädagogisch inszeniert werden können". Beide stellen ihre jeweils spezifische Art vor, durch Führungen die kulturelle beziehungsweise theologische Dimension des Erinnerungsraumes Friedhof einem größeren Publikum sicht- und erlebbar zu machen. Der Gerhard Voß berichtet schließlich über die Bestandsaufnahme jüdischer Friedhöfe in Mecklenburg. Der Letzte Beitrag, von Herausgeber Thomas Klie als Nachlese verfasst, weist schließlich am seinem Ende noch einmal auf das touristische Interesse an historischen Friedhöfen hin, das sich gerade aus der "Vielgestalt und dem individuellen (auch kitschigen) Formenspiel" aus üppigem Grabschmuck ergibt. Seiner Meinung nach stellt die Summe aller an die Grabstätten gebundenen Artefakte neben ihrem denkmalpflegerischen wert "eben auch ein Ensemble mit großer ästhetischer Anziehungskraft dar." Deswegen ruft er die Entscheidungsträger auf, "nicht alles einzuebnen, was die sepulkrale Ökonomie fordert bzw. dem aktuellen Zeitgeschmack entgegensteht."  
Insgesamt zeichnet diesen Band die bunte Mischung der Beiträge aus, die sich kaum in Untergruppen strukturieren lassen. Dass einige Autoren dabei sind, von denen schon öfter in diesem Blog die Rede war, liegt in der Natur der Sache. Friedhofskultur ist insgesamt wohl immer noch eher ein Thema für Wenige.

Thomas Klie / Sieglinde Sparre (Hrsg.), Erinnerungslandschaften - Friedhöfe als kulturelles Gedächtnis. Kohlhammer Stuttgart 2017, 213 Seiten, 27 Abb., 35,99 Euro