Dienstag, 7. April 2026

Zum Umgang mit Friedhofsfreiflächen

 

Im Rahmen des Dresdner Modellprojekts „Vom
Parkfriedhof zum Friedhofspark“ auf dem Neuen Annenfriedhof der Stadt hat die Friedhofsverwalterin Lara Schink eine "Handreichung zum Umgang mit Friedhofs-Freiflächen" erstellt, die unter diesem Link zum kostenlosen Download bereit steht. Vorab möchte ich diesen Text schon einmal allen empfehlen, die mit der Entwicklung von Friedhöfen und besonders der Bewahrung historischer Begräbnisplätze zu tun haben. Oder wie es im Vorwort heißt: Die an dem Projekt Beteiligten "möchten mit dieser Publikation Mut machen, Friedhöfe mit anderen Augen zu sehen: ihre vielfältigen Potenziale zu erkennen, anzuerkennen und bedarfsgerecht weiterzuentwickeln - mit frischen Ideen, zugleich aber stets Hand in Hand gehend mit ihrer jahrhundertealten Kulturtradition".

Die Publikation ist als Teil des ExWoSt-Forschungsvorhabens1 „Green Urban Labs II“ entstanden. In diesem Projekt wurden die Potenziale von Friedhofsfreiflächen im Rahmen eines partizipativen Umgestaltungsprozesses unter Einbindung einer Vielzahl von Akteuren aus Bürgerschaft, Ämtern, Hochschul- und Vereinswesen erforscht. 

Die Veröffentlichung ist in drei Hauptteile gegliedert. Zunächst wird in die Thematik "Friedhofsfreiflächen" eingeführt, danach werden die Potenziale dieser Flächen und Ideen zu ihrer Aktivierung vorgestellt, und im dritten Teil geht es dann um die Planung und Umsetzung der Ideen, die nicht immer ganz einfachen Vorraussetzungen für ein gutes Gelingen und die vielfältigen Möglichkeiten zur Kooperation. Als Hilfe zur praktischen Umsetzung ist eine "To-do-Liste: Weiterentwicklung von Friedhofsfreiflächen" beigegeben und die wichtigsten Punkte sind außerdem am Ende noch einmal zusammengefasst. Literatur- und Abbildungsverzeichnis erlauben eine Vertiefung des Themas und über ein Sachregister können einzelne Schlagwörter angesteuert werden. Im Anhang ist außerdem noch eine Liste der Teilprojekte innerhalb des Modellprojektes „Vom Parkfriedhof zum Friedhofspark“ zu finden.

Das Thema Friedhofsfreiflächen, manchmal auch Überhangflächen genannt, beschäftigt Friedhofsverwaltungen schon seit dem Ende des 20. Jahrhunderts, als immer deutlicher wurde, dass sich die für Erdbestattungen ausgelegten großen Friedhöfe durch die wachsende Nachfrage nach Kremationen grundlegend verändern würden. "Wo früher dicht an dicht Grabstellen mit teils opulenten Grabmalen und Einfriedungen standen, blickt man heute auf lückig belegte Grabfelder, anonyme Massengräber und teilweise verwilderte Friedhofsfreiflächen", schreibt die Autorin dazu. 

Zugleich verweist sie mehrfach auf die Multifunktionalität des Friedhofes für die Gesellschaft: Neben ihrer Kernfunktion als Bestattungsplatz bilden Friedhöfe Naherholungsräume, sind ein Habitat für - teilweise seltene - Tier- und Pflanzenarten, wirken sich auf das Stadtklima aus, dienen als Begegnungsstätte für Menschen aller Generationen und unterschiedlicher Herkunft, ermöglichen niedrigschwelligen Kontakt zu Stadt- und zur Kulturgeschichte, zu Kunsthandwerk und Kunstwerken und sind zudem Orte der Erinnerungskultur. Sie können als Kunst- und Kulturraum für zeitgenössische Projekte zur Verfügung gestellt werden und sind nicht zuletzt Arbeitsplatz für zahlreiche Berufsfelder.

Mit dieser Multifunktionalität geht allerdings vielerorts ein Zuständigkeitsproblem einher. Außerdem ist Friedhof nicht gleich Friedhof; d. h. es gibt sehr unterschiedliche Rahmenbedingungen und Bedarfe. Deshalb ist vor der Planung von Umgestaltungsmaßnahmen immer der Ist-Zustand zu erheben und zu prüfen, welche speziellen Potenziale den Freiflächen innewohnen, welche historischen Strukturen ihre Gestaltung bedingt haben und welche Bedarfe bei der Bevölkerung der näheren Umgebung bestehen. Vor dem Hintergrund der Bedeutung von Friedhöfen als Orte der Bestattung und der Trauer ist zugleich zu fragen, wo die Pietätsgrenzen zu ziehen sind, was also erlaubt sein soll und was nicht. Daraus kann dann gemeinsam mit Bürgern und Verwaltungsgremien ein "Leitbild entwickelt werden, das die Geschichte des Ortes ebenso berücksichtigt wie besonders geschätzte aktuelle Elemente und Wünsche für die zukünftige Gestaltung. Besondere Aufmerksamkeit sollte hier den Menschen zukommen, die eine persönliche Beziehung zu dem Friedhof haben, weil hier Angehörige bestattet sind – unabhängig davon, ob es noch eine aktuelle Grabstätte gibt."

Die oben genannte Multifunktionaliät der Friedhöfe wird bei der Darstellung der Potentiale von Friedhofsfreiflächen und ihrer Aktivierung noch einmal breit aufgefächert und mit einer Fülle von aktuellen Beispielen verbunden. Sie zeigen, wieviele unterschiedliche Gestaltungsmöglichkeiten heute schon auf Friedhöfen umgesetzt werden. Die Spannbreite reicht vom "Windtelefon" über Insektenhotels zur Wiederherstellung verlorener historischer Strukturen, um nur wenige Stichworte zu nennen. Dieser Abschnitt der Publikation gibt einen umfangreichen Überblick über den aktuellen Stand der Weiterentwicklung von Friedhöfen und sammelt so viele Mut machende Beispiele wie bisher nirgendwo sonst. Friedhöfe werden schon jetzt immer mehr zu Orten, auf denen die Trauer in verschiedensten Formen ihren Ausdruck finden kann, wo kontemplative Erholung möglich ist, weil dort inmitten städtischer Bebauung und abgeschottet von städtischem Lärm die Verbindung zur Natur gegeben ist, wo Kunst, Geschichte und Erinnerung bedeutungsvoll sind und gewürdigt werden können, wo Flora und Fauna Rückzugsräume finden und das Stadtklima deutlich beeinflusst wird. 

Hauptthema für die Verantwortlichen dürfte allerdings sein, woher die Mittel für die Planung und Umsetzung der vielfältigen Ideen kommen könnten. Dass diese Frage nicht einfach und nicht für jeden Friedhof auf die gleiche Weise zu beantworten ist, wird aus der Darstellung des Dresdener Projektes nur allzu deutlich. Phantasie, Offenheit und Ideenreichtum sind gefragt. Die Publikation zeigt Fallstricke auf und weist auf den großen Bedarf an Kooperation, Absprache und Aufgabenverteilung innerhalb der vielen Verantwortlichen aus den unterschiedlichen Bereichen hin, die Einfluss auf die Bewirtschaftung dieser Flächen nehmen können. Die Fähigkeit zur Kommunikation ist hier eine Grundvoraussetzung. 

Insgesamt wird deutlich, dass das Friedhofswesen auf dem Weg zu großen Veränderungen ist. Begräbnisplätze - egal ob kirchlich oder kommunal verwaltet - werden nur dann weiter bestehen, wenn die Menschen vor Ort sie wieder stärker wertschätzen und sich für ihren Erhalt, ihre Gestaltung und ihre Nutzung in unterschiedlichen Formen einsetzen. Dazu aber braucht es eine große Offenheit für Neues bei allen, die mit der Verwaltung dieser Orte betraut sind. Die neue Handreichung aus Dresden lädt dazu ein und eröffnet zugleich eine Fülle von Handlungsmöglichkeiten, die zusätzlich mit zahlreichen Bildern der verschiedenen Beispiele visualisiert werden. Dabei wird der Zugang zu dem komplexen Inhalt durch die graphische Gestaltung von Carolin Horbank erleichtert, mit der die Publikation wirkungsvoll gegliedert wird und wichtige Aussagen unterstrichen werden.