Dienstag, 10. November 2009

Friedhofskultur ist Lebenskultur

Blaskapelle in Ohlsdorf (Foto Günter Lindemann)
Unter dem diesem Titel hat Helge Adolphsen, Haupt- pastor em. der Hamburger St. Micha- eliskirche, den Festvortrag zum 20. Jubiläum des Förderkreises Ohlsdorfer Friedhof e.V. gestellt.

Wie schon berichtet, war diese Feier in die Veranstaltungen zum Tag des Friedhofes in Ohlsdorf integriert.

(Foto Günter Lindemann)
Die Verwaltung hatte ein großes Aufgebot an Aktivitäten für die Besucher aufgebaut: Sie reichten von Kutschfahrten über eine Beerdigungskapelle, die New Orleans Jazz spielte, bis zum Hubkran, von dem man den Friedhof aus der "Perspektive der Engel" sehen konnte.

(Foto Günter Lindemann)
Da der Vortrag des Festredners grundsätzliche Gedanken zum Thema Friedhofskultur anspricht, danke ich Hauptpastor em. Helge Adolphsen sehr herzlich, dass er mir erlaubt hat, ihn hier zu veröffentlichen.


Die Bilder von dem Tag des Friedhofs und dem Jubiläum hat das langjährige Förderkreismitglied Günter Lindemann zur Verfügung gestellt

Helge Adolphsen

Friedhofskultur ist Lebenskultur

Festvortrag anlässlich 20 Jahre Förderkreis Ohlsdorf
Verein für Kultur und Denkmalpflege


Von Herzen gratuliere ich allen, die zum Förderkreis Ohlsdorf gehören: dem Vorstand, den Friedhofsführern und allen Mitgliedern. Was Sie tun, ist wichtig, es strahlt aus, es ist Kulturpflege. Am liebsten würde ich jetzt sofort mein Glas mit dem Wein „Ewig Leben“ erheben und Prosit zu Ihnen sagen – was ja übersetzt heißt: Es möge weiter vielen Menschen auch in den nächsten Jahren nützen, was Sie so engagiert tun. Aber erstens gibt es ein Glas dieses Weines später, in dem ja immer Lebensfreude ist – in der Bibel steht der wunderbare Satz: „Der Wein erfreut des Menschen Herz“ (also nicht nur die Sinne und den Magen!). Und zweitens will ich erst reden und dann mit Ihnen anstoßen.

Zwanzig Jahre arbeiten für den weltgrößten Parkfriedhof. Zwanzig Jahre Anteil nehmen an ihm und das landschaftliche und kulturelle Gesamtkunstwerk mitgestalten. Tun, was der Friedhof nicht kann. Und das mit großem ehrenamtlichem Einsatz, mit Freude und Kompetenz. Mit wissenschaftlichen Beiträgen, mit nicht zu zählenden Führungen. Mit der Restaurierung von kulturhistorisch bedeutsamen Grabmalen. Mit Exkursionen nach Berlin und Wien, wertvollen Beiträgen zur Kultur und Denkmalpflege. Kultur heißt Pflege, meint Pflege auch des denkwürdigen Erbes derer, die vor uns gelebt und uns sichtbare Zeugnisse ihres Lebens, ihres Denkens und ihrer inneren Auseinandersetzung mit Sterben und Tod, mit Trauer und einer langen Bestattungskultur hinterlassen haben. Was Sie getan haben und tun, ist nicht rückwärtsgewandt.
Es ist keine Form nostalgischer Traditionsverklärung. Das ist kein Hobby von Sonderlingen.

Der Verein hat vor einigen Jahren die Patenschaftsaktion für bedeutende Grabmale initiiert. Die Stadt hat das übernommen. Wir vom Hamburger Michel haben ein Grabmal von der Familie Döhner erhalten. Wir haben ganz in der Nähe von Kapelle 1 eine Gemeinschaftsgrabstätte eingerichtet. Das Motto lautet: „Im Leben, im Sterben und im Tod zusammenbleiben.“ 75 Michaeliten haben sich gefunden, ihr Grab gekauft, pflegen den Kontakt miteinander, sind zu jeder Beisetzung eingeladen. Ein Zeichen im Widerstand gegen die wachsende Anonymität in unserer Gesellschaft, gegen den kalten „einfachen Abtrag“, gegen die Veränderung von Sterben und Tod in guter christlicher Tradition.

Und das verdanken wir dem Förderkreis Ohlsdorf. Und dem Friedhof, mit dem der Verein so hervorragend zusammenarbeitet. So wirkt der Verein in der Öffentlichkeit. So erfolgreich nimmt er seinen Beitrag für die Bildungsarbeit und die Sepulkralkultur wahr.

Im Jahr 2006 hat der Förderkreis eine Auszeichnung für sein Wirken durch die bundesweite Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal erhalten. In der Urkunde steht als Begründung dafür: „für besondere Leistungen und Haltungen im Bereich der Sterbe-, Bestattungs-, Friedhofs- und Trauerkultur“.

So umfassend sehen Sie als Mitglieder ihren selbstgewählten Antrag. Vierfache Kultur: Sterbe-, Bestattungs-, Friedhofs- und Trauerkultur. Aber ein Auftrag und eine kulturelle Dimension fehlen. Die füge ich hinzu: die Erinnerungskultur. Ich betone:

Pastor Helge Adolphsen
(Foto Günter Lindemann)
1. Friedhofskultur als Lebenskultur ist Erinnerungskultur
Ich bin in Schleswig aufgewachsen. Unweit des Domes gibt es den Holm, eine alte Fischersiedlung. Im Rund um den Friedhof mit einer Kapelle eine Straße mit alten Häusern und „Klöndören“. Auf der Straße spielen Kinder Fußball. Wenn der Ball über den Zaun auf die Gräber des Friedhofs fällt, klettern die Buttjes rüber und holen ihn sich wieder. Findet eine Beisetzung statt, nehmen alle Holmer und Mitglieder der „Holmer Beliebung“ daran teil. Der Verkehr ruht. Wer nicht mehr gehen kann, schaut aus den „Klöndören“ und nimmt Anteil. Wenig später spielen die Kinder wieder Fußball. Tod und Bestattung – mittendrin. Das ist eine traditionelle städtebauliche Form der Erinnerungskultur: Sterben und Tod mitten im Leben. Nicht ausgegrenzt aus dem Alltag, der Tod nicht an die Ränder verdrängt. Sinnenfällige Lehre nach dem biblischen Satz aus Psalm 90: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden.“

Klug, sinnvoll, bewusstseins- und lebensfördernd ist es, nicht zu sagen „Lasst uns essen und trinken, arbeiten und viel Geld verdienen, konsumieren und vegetieren, morgen sind wir tot.“

Ich finde den Satz der Nonne Coretta hilfreich für ein bewusstes Leben im Blick auf die letzte Grenze des Lebens: „Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens.“ Darin steckt weder Todessehnsucht noch Weltflucht. So leben wir bewusst. So sind wir Realisten.

Max Frisch beschreibt diese realistische und kluge Sicht so: „Wir leben und sterben jeden Augenblick, beides zugleich… Und da wir nur leben, indem wir zugleich sterben, verbrauchen wir das Leben wie eine Sonne ihre Glut verbraucht.“

Wenn ich hier auf Ohlsdorf bin, dann denke ich oft: Die Toten hier, die mit bekannten Namen und die Unbekannten, sind nicht meine Toten. Ich kenne ihr Leben nicht. Aber sie können zu meinen Toten werden. Nicht erst, wenn auch ich auf der Gemeinschaftsgrabstätte St. Michaelis liege. Ich lerne z.B. an den Gräbern für die Widerstandskämpfer, was Menschen nie angetan werden sollte. Ich sehe Bilder des Schreckens, des Schmerzes und der Trauer vor mir. Ich sehe auch Bilder geglückten und erfüllten Lebens. Die Toten gehören zu mir. Heimat ist auch da, wo die Toten einen sichtbaren Platz haben. Und auch einen Platz in unseren Herzen. Es ist wichtig, ihr Geschick dem Vergessen zu entreißen. Die Erinnerung ist ein Akt des Erbarmens. Das Vergessen der Toten macht unsere Welt kalt und unwirtlich. Man lernt von ihnen, woher man kommt. Und Zukunft haben kann nur der, der eine Herkunft hat. Die Erinnerung macht den Tod der Menschen vor uns zu einem Erbe und zu einer Verpflichtung.

Friedhofskultur ist als Lebenskultur Erinnerungskultur

2. Friedhofskultur als Lebenskultur ist Besinnungskultur
Ich genieße es geradezu, wenn ich einen Trauerzug anführe und wir eine der vielen Straßen auf Ohlsdorf überqueren müssen. Autos bleiben stehen. Die Autofahrenden werden gezwungen, zu warten und - hoffentlich - den Motor abzustellen. Ich ahne, dass bei manchen Stress und Termindruck entsteht und wie der Adrenalinspiegel steigt. Schnelligkeit wird heute zur Schnelllebigkeit. Zeit zur Ware. Viele sind dauernd auf der Überholspur, atemlos, gehetzt und als Dauerläufer.Der Tod gebietet, zu schweigen, den Lärm abzuschalten, Oasen der Ruhe und der Stille zu entdecken. Manche brauchen den Zwang dazu, brauchen Entschleunigung und Besinnung.

Den Autofahrenden möchte ich dann einen Text von Jewgeni Jewtuschenko über den Zeitnotstand in die Hand geben:
„In Zeitnot geraten wie in ein Netz ist der Mensch.
Atemlos hetzt er durch sein Leben und wischt sich den Schweiß.
Ein Fluch des Jahrhunderts ist diese Eile.
Es wird ganz eilig gezecht und ganz eilig geliebt,
ganz tief sinkt die Seele dabei.
Man mordet ganz eilig, vernichtet ganz eilig.
Ganz eilig sind später Reue und Buße vorbei.
Halt an, bleib’ doch stehen,
der du wie auf fallendem Laub über Gesichter stampfst
und sie nicht ansiehst.
Halt an, bleib’ doch stehen;
(Foto Günter Lindemann)
du hast Gott vergessen und schreitest über dich selbst hinweg.“

Friedhofskultur als Lebenskultur ist Besinnungskultur

3. Friedhofskultur als Lebenskultur ist Kultur des Respekts

Ich war früher als Dozent im Hamburger Predigerseminar Jahr für Jahr mit 12 Vikaren im Rahmen ihrer Ausbildung auf Ohlsdorf. Die schweigende Anwesenheit bei Trauerfeiern mit Geistlichen und mit Rednern, Gespräche mit dem Friedhofspastor – so etwas gibt es nur auf Ohlsdorf…! -, Besichtigung der Verbrennungsöfen und Gespräche mit Mitarbeitern des Friedhofs gehörten zum Tagesprogramm. Aus dem Mund eines langjährigen Mitarbeiters sprudelte es nur so heraus: „Da kam neulich doch ein junger Mann zu mir und fragte: "Wann entsorgen Sie denn nun endlich meinen Alten?"

Jeder Mensch ist ein Original, keine Kopie, keine Nummer und kein Fall. Nicht nur die Würde der Lebenden ist unantastbar, auch die jedes Toten.

In meiner Sprache: Jeder Mensch ist ein einmaliger Liebesgedanke Gottes aus Fleisch und Blut. Und jeder Tote fällt nie aus der Liebe Gottes heraus. Und darf darum nicht aus der Liebe der Menschen herausfallen. Ein respekt- und würdeloser Umgang mit Toten ist Zeichen einer Unkultur.

Es gibt in Hamburg ein historisches Beispiel für eine solche Unkultur:Die Nazis ließen einen großen Teil der Dammtorfriedhöfe mit den unwiederbringlichen Grabmalen, den Zeichen einer Gedenk- und Erinnerungskultur, einebnen. Sie gestalteten dann den Friedhof zum Aufmarschplatz für militärische Propagandademonstrationen. Und dann wehten dort Hakenkreuzfahnen, wo früher Gräber und Grabsteine waren. Marschlieder gegen Trauerlieder, Trost- und Mutmachgesänge. Kaum zu glauben heute, diese Grabschändung, dieses Kulturbanausentum! Und das im Namen des angeblich unsterblichen großen Führers. Und schon mit der Absicht, vielen Menschen und Völkern millionenfach Tod zu bringen.

Zwei Gegenbeispiele:
Frau Susanne Schniering hatte eine Totgeburt. Sie hatte es abgelehnt, das tote Kind zu sehen. Damit wurde sie nicht fertig. Sie beschloss, einen Gedenkplatz für totgeborene Kinder auf Ohlsdorf zu schaffen. Mit einem Kunstwerk als Grabmal. Jährlich finden im September Gedenkstunden dort statt. Ich habe vor zehn Jahren ihren Plan unterstützt.

Am 2. Juli dieses Jahres wurde hier im Garten der Frauen der Grabstein für Domenica Niehoff enthüllt. Ich kannte sie: Nicht von der Herbertstraße, sondern als Streetworkerin und Betreuerin für drogenabhängige Mädchen auf dem Straßenstrich. Im NDR habe ich mit ihr eine Woche lang täglich eine Sendung mit ihren liebsten biblischen Geschichten gemacht. Eine schillernde Persönlichkeit und eine umstrittene Frau. Aber eine mit Herz.

Der Grabstein zeigt das Portrait, Vor- und Nachnamen, Geburts- und Todesdatum. Auf der Oberfläche liegt ein aus Stein geformtes Akanthusblatt – ein altes Symbol dafür, dass eine schwere Arbeit geleistet wurde. Nachzulesen in der Zeitschrift des Förderkreises aus diesem Jahr mit dem Thema „Friedhofsführer“. Die Gestaltung dieses Grabsteins hat der Künstler und Steinmetz Bert Ulrich Beppler übernommen. Er ist auch Mitglied des Förderkreises. Dazu hat er noch den Stein gestiftet.

Das sind zwei von vielen Beispielen für einen respektvollen Umgang mit der Gedenk- und Erinnerungskultur. Und ein Beleg für die stilsichere Arbeit des Künstlers und des Vereins für Kultur- und Denkmalpflege.

So wird der Tod nicht unsichtbar. So werden unsere Toten nicht einfach entsorgt. So fallen sie nicht dem Vergessen anheim. So bleiben sie gegenwärtig.Anders ist es bei Kreuzfahrtschiffen. Angesichts des Durchschnittsalters der Passagiere bringt man vor dem Ablegen Särge vorsichtshalber nachts an Bord, möglichst unauffällig.

Die Zahl der anonymen Bestattungen steigt. In Berlin wird fast jeder Zweite anonym beigesetzt, doppelt so viel wie vor fünfzehn Jahren. In westdeutschen Großstädten 60 – 70 %. Beisetzungen in Friedwäldern werden immer beliebter. Die traditionelle Friedhofskultur wird erweitert um vielfältige neue Formen.

Ich habe immer dafür plädiert, die Toten lesbar und sichtbar zu halten. Ihre Namen sind wichtig für die Kultur des Gedenkens. Wir sind nicht namenlose und gleich-gültige Wesen. Wir sind, weil wir im Leben, im Sterben und im Tod nicht vergessen sind. Wir sind, weil jemand uns ansieht, uns bemerkt und nicht übersieht. Wir sind, weil jemand sich an uns erinnert. Im Leben und im Tod.

In der Bibel findet sich ein schönes Bild. Nach ihm sind unsere Namen eingeschrieben in das Buch des Lebens. Unsere Toten sind und bleiben so im Gedächtnis Gottes, aufgeschrieben im Buch des Lebens.

Für mich sind darum alle Grabsteine auf diesem großen Friedhof Ohlsdorf mit ihren Namen und Lebensdaten Hinweise auf das Buch des Lebens. Ohlsdorf ist kein Ort der Toten, sondern des Lebens. Der weltgrößte Parkfriedhof liest sich wie ein Buch des Lebens. Friedhofskultur als Lebenskultur ist eine Kultur des Respekts.

Darum sage ich zum Schluss:
Was der Förderkreis Ohlsdorf mit seinen Bemühungen im Bereich der Sterbe-, Bestattungs-, Friedhofs-, Trauer- und Erinnerungskultur leistet, ist Kulturarbeit. Sie dient dem Leben. Denn nach wie vor gilt der Satz:

„Sage mir, wie du mit den Toten umgehst. Und ich sage dir, wie du mit den Lebenden umgehst.“

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