Donnerstag, 8. Januar 2015

Zwischen den Fronten - Leben und Sterben im Ersten Weltkrieg

Das Buch zur Ausstellung "Die
Verwandlung - Sterben und
Trauer 1914-1918" in Kassel
Eigentlich ist das kein Buch über historische Friedhöfe. Aber es hat doch seinen Platz in diesem Blog. Zum einen ist es die ausführliche Publikation zu der Gemeinschaftsausstellung in Kassel, über die ich hier berichtet habe, und zum anderen steht der Tod natürlich hinter jeder Ausstellung und jeder Abhandlung über den Ersten Weltkrieg. Und dazu gehören natürlich auch die Soldatenfriedhöfe, die noch heute ob ihrer schieren Masse der jungen Männer, die dort begraben liegen, den Besucher erschauern lassen.  

Das Buch zur Ausstellung zeigt noch einmal sehr deutlich, dass hier ein gemeinsames Thema aus ganz unterschiedlichen Perspektiven behandelt worden ist. Nach Vorwort, Dank und einem einleitenden Beitrag zum Ersten Weltkrieg als totalem Kulturkrieg und modernern Medienkrieg, folgen drei Hauptteile, die mit "Geistige Mobilmachung", "Zwischen den Fornten: Alltag an der Kriegsfront und der Heimatfront" und "Trauer, Trost, Erinnerung" überschrieben sind. Diese Hauptteile sind allerdings sehr unterschiedlich gewichtet. Während im ersten sechs Beiträge zusammengefasst sind, liegt der Schwerpunkt auf dem zweiten Teil mit elf Beiträgen. Dagegen wird der letzte nur durch den Beitrag von Reiner Sörries, dem Direktor des Kassler Sepulkralmuseums, abgedeckt.


Die geistige Mobilmachung wird dabei von zwei Seiten beleuchtet, zum einen wird die Wirkung der Medien thematisiert: Auf die "Macht und Ohnmachter der Plakatkunst" wird hingewiesen, jener Mediengattung, die damals erst vor wenigen Jahrzehnten begonnen hatte, das Bild der Städte zu verändern, Die Karikaturen des Simplicissiums und die Kriegesberichterstattung mit Hilfe des damals supermodernen Mediums des Films sind weitere Themen. Der "geistigen Mobilmachung" in den Köpfen Einzelner - und in diesem Fall berühmter Persönlichkeiten - widmen sich drei Beiträge, die den Maler Max Liebermann, die junge Marie Luise Kaschnitz und den jungen Bert Brecht im Ersten Weltkrieg vorstellen.

Der Krieg selbst wird sowohl von der Seite der Kriegsfront wie von der Heimatfront aus beleuchtet. Da geht es um die Bedeutung der Feldpost für den Erhalt des Kampfeswillens; um die Fotografie, das neuen Massenmedium; die Feldzeitung und die Rekonstruktion einer Truppenbücherei. Im Anschluss daran werden einzelne Stimmen von Soldaten laut, deren Briefe in die Heimat analysiert und in den Zusammenhang des gesamten Geschehens gestellt werden. Dabei mischen sich die Feldpostbriefe von relativ unbekannten Männern mit den Stimmen von Schriftstellern und Künstlern und erzählen vom Leben und Sterben an der Front. Auf Seiten der Heimatfront wird der Hunger und die Lebensmittelrationierung während des Krieges anhand von Lebensmittelmarken, Plakaten und anderen Relikten dieser Zeit dargestellt. Während die persönlichen Berichte von der Kriegsfront relativ vielfältig aufgefächert sind, beschränkt sich dieser Bereich hier auf zwei exzeptionelle Beispiele. Der Kriegsbegeisterung und der darauf folgenden Ernüchterung wird zum einen in Max Regers musikalischem Werk und zum anderen in dem Bruderzwist zwischen Heinrich und Thomas Mann nachgegangen.

Reiner Sörries beschäftigt sich dann am Schluss des Buches mit "Trost im Leid - Strategien zur Bewältigung der Trauer in Eiserner Zeit". Er beginnt mit dem heutigen Begriff der persönlichen und privaten Trauerarbeit nach dem Tod eines Angehörigen, dem er Strategien des Staates entgegensetzt, mit denen der Kriegstod kollektiv bewältigt werden sollte. Diese Strategien stellt er anhand der materiellen Zeugnisse vor. Zuerst widmet er sich der Bestattung der Gefallenen während des Krieges, deren Begräbnisorte sich noch gravierend von jenen Soldatenfriedhöfen unterschieden, in denen die Gefallenden nach 1918 in Reih und Glied versammelt wurden. Von den ersten Ehrenfriedhöfen über die ersten Gestaltungsrichtlinien für Soldatengräber geht Sörries über zum "Soldatentod als heiligem Akt" und den ersten Kriegerdenkmälern an der Front, wobei er ihre Blütezeit nach dem Krieg nicht weiter in seinen Beitrag einbezieht. Neben die öffentliche Gefallenenehrung stellt er die "Privatisierung des Heldentodes" und seine heute fast unverständliche klaglose Akzeptanz; zeigt wie dieser Tod bildlich sogar als Christusnachfolge überhöht werden konnte. Exkursartig verweist er auf den Aufforderungscharakter des soldatischen "Opfertodes" an die Heimatfront, die mit ihren materiellen Opfern zum Sieg beitragen sollte ("Gold gab ich für Eisen" in Eiserner Zeit und "Nägel für den Sieg"). Ganz zum Schluss kommt er noch einmal auf die Trauerarbeit zurück und stellt unter dem Titel "Die deutsche Frau weint keine Tränen" das Bild des Kaisers in den Mittelpunkt, der im Feld am Grab eines jungen Soldaten in Tränen ausbricht. "Weil der Kaiser weint, darf es die Mutter nicht", interpretiert er das Bild einer schwarz gekleideten sitzenden Frau vor einer Kommode mit den Porträts ihrer Verstorbenen. "Das Bild des Kaisers jedoch schwebt über allem, der stellvertretend für alle Trauernden weint. Er ist es, der ihr Schicksal teilt, und seine Trauer ist so viel größer als die eines einzelnen Menschen. Deshalb gilt es, nicht Schwachheit zu zeigen, sondern Zuversicht. Wo der Kaiser trauert, da wird den Trauernden das Herz leicht. Wie kaum ein anderes Bild steht dieses Motiv für die Strtategie zur Trauerbewältigung während des Ersten Weltkriegs. Es ist die von der Obrigkeit angebotene und verordnetete Strategie, die ihre deutlichen Spuren in der materiellen Truaerkultur dieser "eisenern" und "großen" Zeit hinterlassen hat."

Mit insgesamt 358 Seiten und einer Vielzahl von farbigen und schwarz-weißen. teilweise auch doppelseitigen Abbildungen, die weit über das in der Ausstellung Gezeigte hinausgehen, ist dieses Paperback kein Katalog sondern eine eigenständige Publikation, die lange über die Ausstellung hinaus Bestand haben dürfte.

Andrea Fadana, ULrike Horstenkamp, Gabriele Weidle (Hg.), Zwischen den Fronten. Leben und Sterben im Ersten Weltkrieg, Arbeitskreis selbständiger Kultur-Institute e.V. - AsKI 2014  19,90 EUR zzgl. Versandkosten

1 Kommentar:

Ho Sa hat gesagt…

Sehr gern würde ich die Ausstellung besuchen. Nur leider ist Kassel ein wenig weit weg.
Und als Tagesausflug einfach nicht lohnenswert.
Das Sterben, dass sinnlose Sterben in beiden Weltkriegen ist schon erschütternd.
Wunderbare Buchbesprechnung, die Sie hier erstellt haben.
Danke dafür!