Sonntag, 18. September 2011

Tagungsbericht: Das Gedächtnis einer Stadt pflegen – Denkmal historischer Friedhof

Ein Beitrag von Luisa Fassbender (Osnabrücker ServiceBetrieb) und Niels Biewer (Hochschule Osnabrück)

Seit Ende des Jahres 2010 fördert die Deutsche Bundesstiftung Umwelt das Projekt „Erarbeitung und modellhafte Umsetzung eines innovativen Pflegekonzepts zur nachhaltigen Bewahrung des Hasefriedhofs und Johannisfriedhofs in Osnabrück unter Berücksichtigung von Naturschutz und Denkmalpflege“. Dieses Projekt läuft innerhalb des von der Stadt initiierten Konzeptes „Historisches Bewahren“, welches die Sicherung der langfristigen Pflege und die Entwicklung dieser beiden Friedhöfe gewährleisten soll.

In der ersten Phase des DBU-Projekts wurde jetzt - wie hier berichtet - am 02. September 2011 ein Fachsymposium in Osnabrück veranstaltet. Damit sollte einerseits die Öffentlichkeit eingebunden, andererseits sollten aber auch  private und öffentliche Träger ähnlicher Flächen herangezogen werden. Die Gruppe der knapp 40 Teilnehmer bestand sowohl aus kommunalen und kirchlichen Verwaltungsfachleuten, als auch aus Fachleuten aus dem Denkmalschutz, Planern und Mitgliedern von Fördervereinen.

Die Vorträge informierten über die Entwicklung der beiden historischen Friedhöfe Hase- und Johannisfriedhof in Osnabrück und den aktuellen Forschungsstand, gingen aber auch weiterführend auf allgemeingültige Themen ein, die aufgelassene Friedhöfe betreffen. Forschungsfragen wurden dabei in den Vorträgen erläutert, zur Diskussion gestellt und am Nachmittag in Arbeitsgruppen vertieft und erweitert, um so für die Fortführung des Forschungsprojekts wertvolle Impulse in Form offener Fragen oder guter Beispiele anderer Friedhofsträger zu gewinnen.

In ihrer Begrüßung betonte dabei die Leiterin der Abteilung Friedhöfe und Bestattungswesen des Osnabrücker ServiceBetriebs, Frau Eva Güse: „Der Stadt Osnabrück und dem Osnabrücker ServiceBetrieb (OSB) ist es ein großes Anliegen, die historischen Friedhöfe und deren Bestandteile in ihrer Qualität dauerhaft zu sichern.“ Danach leitete sie die Tagung mit der Vorstellung der Ziele und Strukturen des Konzeptes „Historisches Bewahren“ ein, erläuterte die damit verbundenen, erfolgreichen Anträge von Teilprojekten und beschrieb die praktischen Arbeitsgänge.

Der Projektbearbeiter des Büro Beck für Gartendenkmalpflege in Hannover, Herr Volker Gehring, gab wichtige Hintergrundinformationen zu den  1808 eröffneten Friedhöfen, z. B. zu ihrer  stadt- und baugeschichtliche Entwicklung. Außerdem präsentierte er den aktuellen Forschungsstand des Projekts: „Schrittweise sollen Pflegekonzept und dessen praktische Umsetzung entwickelt, erprobt und aufeinander abgestimmt werden“. Auf Grundlage der in den letzten Monaten durchgeführten Bestandserfassungen der denkmalrelevanten Substanz wie Baumbestand, Grabstätten und -male und Wegesystem, sowie der Kartierung von Flora und Fauna durch das Büro BMS-Umweltplanung, wird zurzeit ein Pflegekatalog entwickelt, der modellhaft umgesetzt werden soll.

Der Direktor des Diözesanmuseums des Bistum Osnabrück, Herr Dr. Hermann Queckenstedt, führte die Teilnehmer in seinem Vortrag mit dem Arbeitstitel "Pietät auf aufgelassenen Friedhöfen - Wo 'das Vieh die Gräber umwühlt' und 'Buben mit den Resten der Verstorbenen spielen'“ in eine Art Zeitreise. Er veranschaulichte die Entwicklung des Bestattungsverhaltens und den Umgang mit dem allgegenwärtigen Thema Tod vom Mittelalter bis heute. Die Diskussion des pietätvollen Verhaltens auf Friedhöfen fasste Herr Queckenstedt zu folgender These für die Zukunft der historischen Friedhöfe in Osnabrück zusammen: „Nicht die lange Liste als notwendig empfundener Verbote an den Eingängen wird über die Nachhaltigkeit der Friedhofszukunft entscheiden, sondern die möglichst breite Akzeptanz der Bürger mit ihren Selbstregulierungskräften. Wo reges Leben herrscht, schwindet der Raum für Unfug.“

Herr Niels Biewer, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Hochschule Osnabrück, stellte in seinem Vortrag "Folgenutzung aufgelassener Friedhöfe – Erste Forschungsergebnisse" ein Forschungsprojekt der Hochschule vor, mit dem bis Ende 2012 ein Konzept zur dauerhaften Nutzung aufgelassener historischer Friedhöfe am Beispiel des Hase- und Johannisfriedhofs in Osnabrück erarbeitet werden soll. Nachdem er auf das Problem hinwies, dass das Gros der ehemaligen Friedhöfe sehr einseitig bzw. fehlgenutzt werden, ging er auf die ersten Untersuchungen (zum Beispiel Nutzungsanalyse, Befragungen, Leitfadeninterviews, Landschafsbilderfassung, Inventarisierung) ein. Anschließend wurden Ansätze für Folgenutzungen vorgestellt, die sich zumeist in Verbindung mit anderen Institutionen im Bildungssektor ergaben. Das große Problem sei, so schloss er den Vortrag, dass zwar häufig ein Pflege- und Entwicklungskonzept für ehemalige Friedhöfe erarbeitet, dass aber dem Thema der Folgenutzung nur unzureichend Beachtung geschenkt würde. Nutzung sei aber die beste Denkmalpflege.

„Ein Friedhof ist ein Friedhof ist ein Friedhof“. Der Direktor vom Museum für Sepulkralkultur in Kassel, Herr Prof. Dr. Reiner Sörries referierte über das Thema "Der Wert und die Finanzierung historischer Friedhöfe in der Gesellschaft". Den „Wert“ historischer Friedhöfe unterteilte Prof. Dr. Sörries in den kunsthistorischen, ästhetischen Wert sowie den Naturwert und stellte zudem seine emotionale und pädagogische Wirkung heraus. Er wies darauf hin, dass die Fragestellung des Umgangs mit historischen Friedhöfen erstmals in den 1980er Jahren aufkam und somit noch recht jung sei. Seit diesem Zeitpunkt gäbe es jedoch mehr Publikationen, Forschung zu diesem Themenbereich, sowie Fördervereine, die sich für einzelne Friedhöfe einsetzen. Im zweiten Themenblock zur „Finanzierung“ hob er hervor, dass es schwer sei, Mittel für die laufende Unterhaltung zu bekommen; einfacher sei jedoch die Akquise für Einzelmaßnahmen. Die Wahl der richtigen Strategie und die Möglichkeiten für die weitere Finanzplanung sei vor allem dadurch bestimmt, in welchem Status sich der historische Friedhof befände, also ob er noch der Beisetzung diene, oder aber zwar nicht mehr der Beisetzung diene, aber noch als Friedhof gewidmet sei, oder ob er bereits entwidmet sei.

Frau Dr. Sylvia Butenschön, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Technischen Universität Berlin beendet die Vortragsreihe mit dem Thema Gehölze auf historischen Friedhöfen. Einleitend wurde dargelegt, wie sich die geschichtliche Entwicklung Gehölz bestandener Friedhöfe vollzogen hat, um beispielhaft aufzuzeigen, wie sich heute ein typisches Gehölz-Sortiment historischer Friedhöfe darstellt und welche Eigenheiten er meist aufweist. Mit Hilfe einer Tabelle konnte Frau Dr. Butenschön die Besonderheiten auf dem Hase- und Johannisfriedhof hervor-heben. Abschließend ergaben sich Hinweise zur zukünftigen Verwendung und zu dem Umgang mit Gehölzen auf historischen Friedhöfen.

Am Nachmittag bildeten die Teilnehmer kleine Arbeitsgruppen, um vorgegebene Themen zu diskutieren. Das Moderatorenteam der Gruppe „Pietät und Folgenutzung – Ein Widerspruch?“ erläuterte in der Abschlussdiskussion, dass eine abschließende Lösung nicht zu benennen sei, da individuell mit dem Thema Pietät umgegangen werde. Vorschläge zur pietätvollen Weiternutzung wurden genannt und müssten nun in der Friedhofsverwaltung weiter diskutiert werden.

Die Gruppe „Schritte auf dem Weg zur Treuhandstiftung“ erarbeitete Lösungsvorschläge für zukünftige Finanzierungsmöglichkeiten. Diskutiert wurden die Möglichkeiten einer Stiftungsgründung, eines möglichen Bürgerengagements, gezielter Projektförderung und umfangreicher Öffentlichkeitsarbeit.

In der Diskussion zum Thema „Gehölzpflege auf denkmalgeschützten Friedhöfen“ wurde mehrheitlich die Bedeutung, Akzeptanz und Qualität der historischen Baumstrukturen herausgestellt im Verbund mit der These, dass die Friedhöfe sich nach der Entwidmung zu einem „Park mit Friedhofscharakter“ entwickeln lassen.

Am Abend führte dann Matthias Rinn, der erste Vorsitzende des Förderkreises Hasefriedhof – Johannisfriedhof e.V., die Teilnehmer über den Hasefriedhof, womit das interessante und erfolgreiche Symposium einen angenehmen Abschluss fand.

Es kommt ein Tagungsband heraus, in dem alle Vorträge in Bild und Text digital veröffentlicht werden, damit man auch später noch darauf zurückgreifen kann.




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