Samstag, 9. Mai 2015

Buxtehuder Waldfriedhof - Erinnerungen und Naturerlebnis

Titelseite des neuen Buches von Ute Latendorf
über den Buxtehuder Waldfriedhof 
Gehört ein Friedhof, der  1957 eingeweiht wurde, schon zu den historischen Begräbnisplätzen?

Fahrzeuge gelten schon nach 30 Jahren als Vetereanen und können damit einen speziellen Versicherungsschutz beantragen. Auch die Denkmalpflege widmet sich immer mehr den Bauten und Objekten aus den 1950er Jahren. Also kann man wahrscheinlich auch eine Friedhofsanlage aus dieser Zeit als historisch bezeichnen.

Das sind nur Vorüberlegungen. Denn diese Frage stellte sich mir, als ich das Buch von Ute Latendorf über den Buxtehuder Waldfriedhof in den Händen hatte. Schließlich führe ich hier ein Blog, das den historischen Friedhöfen gewidmet ist.

Die Diplompädagogin, Lyrikerin und Fotokünstlerin Ute Latendorf hat schon mehrere Bild- und Lyrikbände geschaffen, die sich mit Grabmalen, dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg und dem Lebensende beschäftigen. Mit diesem Auftragswerk ist ein ganz persönliches Friedhofsbuch entstanden, bei dem es allerdings nicht in erster Linie um die Anlage und die Geschichte des Buxtehuder Waldfriedhofes geht. Diesem Thema ist nur ein kurzer Abschnitt gewidmet, obwohl es wahrscheinlich sehr interessant wäre, gerade eine solche Neugründung der Nachkriegszeit gründlicher historisch zu erforschen.



Aber das war nicht das Ziel der Autorin, die über ein Jahr lang den Friedhof immer wieder besucht, mit Menschen gesprochen und fotografiert hat. Ihre Bilder von der Natur auf dem Friedhof in allen Jahreszeiten, von Grabstätten und vielen kleinen und größeren Details, die sie auf dem Friedhof gesehen hat - von der Gießkanne, über das Bronzevögelchen bis zur Amsel am Brunnenrand -, durchziehen das Buch, nehmen den Leser mit zu den Gräbern und in die Friedhofslandschaft hinein. Dabei lassen die exzellenten Farbabbildungen die Veränderungen der Natur im Jahreslauf wiedererstehen und führen dazu, dass man schon beim Durchblättern immer wieder zum genaueren Hinsehen verleitet wird.

Dazu werden Menschen vorgestellt; Menschen, mit denen die Autorin sich auf dem Friedhof unterhalten hat; Besucher, die Gräber von Angehörigen pflegen; Menschen, die beruflich mit dem Friedhof zu tun haben; Menschen, die gern dorthin gehen, und solche, die andere für ihre Interessen begeistern wollen.

Ein Blick in das Buch, links die Engel von Marlis Dammann
In kurzen Beiträgen werden ihre Geschichten erzählt und damit entsteht ein Eindruck davon, was Ute Latendorf als besonderen Charme des Waldfriedhof beschreibt, nämlich "die familiäre Atmosphäre ..., die dort herrscht. Viele Besucher kennen einander, begrüßen und unterhalten sich, und manche Menschen kommen täglich, weil der Friedhof für sie ein wichtiger Begegnungort ist."

Durch die Augen und Ohren der Autorin lernt man zum Beispiel die Mitarbeiter der Verwaltung und die Gärtner; die Dienstleister, wie Bestatter, Trauerrednerin, Organistin und Steinmetz, aber auch die Paare kennen, die sich über den Gräbern ihrer Partner neu zusammengefunden haben, oder jene Künstlerin, die aus knorrigen Ästen Engel gestaltet und sie auf dem Friedhof fotografiert.

Daneben erfährt man etwas über bekannte Persönlichkeiten der Stadt, die auf dem Friedhof beerdigt sind. Und auch Trauer und Gedenken sind Themen, die sowohl mit eigenen Gedichten der Autorin, Texten und Bildern, aber auch zum Beispiel mit einem Abschnitt über den "Lebenskreis" des Künstlers Frank Rosenzweig angeprochen werden. Das ist ein begehbares Kunstwerk mit einem Brunnenstein in der Mitte, das "Trauernden die Möglichkeit zur stillen Einkehr und Besinnung bieten" soll.

Ein weiterer Abschnitt ist der Natur gewidmet: Insekten, Vögel, Pflanzen, Fledermäuse und Bienen swerden vorgestellt und natürlich gehören dazu auch die Menschen, die dafür sorgen, das diese Themen auf dem Friedhof präsent sind.

Hier können nicht alle weiteren Abschnitte aufgezählt werden, die in dem Buch noch behandelt werden. Es sei nur gesagt, dass noch viel mehr zu entdecken ist. Insgesamt ist es der Autorin gelungen zu zeigen, wie unentbehrlich dieser Friedhof - und damit eigentlich auch alle anderen Friedhöfe - für die Menschen ist, die aus ganz unterschiedlichen Gründen dorthin kommen, wie stark sie diesen Ort als friedlichen Raum der Erinnerung, aber auch als Treffpunkt und Ort der Kommunikation annehmen, nutzen und brauchen, und wie sehr er mit der Natur und ihren heilsamen Kräften verbunden ist.

Ein Buch wie dieses veranschaulicht, wie wichtig Friedhöfe als sozio-kulturelle Orte für die Menchen sind, die in ihrem Einzugsgebiet leben. Friedhöfe haben nun einmal ein ganz besonderen Flair, das zum einen Trauernden hilft, mit dem Verlust umzugehen, dass aber auch jedem Besucher die eigene Gebundenheit an die Natur vor Augen führt. Das Buch von Ute Latendorf ist zu einem eindrucksvollen Plädoyer für die Erhaltung, sorgfältige Ausgestaltung und Pflege gemeinsamer Bestattungsorte in der Nähe der Lebenden geworden und sollte als solches weite Verbreitung finden.

Ute Latendorf, Buxtehuder Waldfriedhof, ewigedition Fölbach, München 2015, 252 S., 500 Fotos. 10,00 Euro ISBN 978-3940765-19-2

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