Donnerstag, 11. Januar 2024

Gräber, Grüfte und Gebeine. Tod in der Frühen Neuzeit.

2009 hat sich in Berlin die Arbeitsgemeinschaft Sepulkralkultur der Neuzeit (ar.se.n.) zur Erforschung kulturhistorischer Erscheinungsformen gegründet, „die mit Sterben, Tod, Bestattung, Totengedenken, aber auch damit verbundenen Emotionen wie Trauer und Trost in der Frühen Neuzeit zusammenhängen“. 2022 haben vier Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft unter dem Titel "Gräber, Grüfte und Gebeine. Tod in der Frühen Neuzeit" einen umfangreichen Sammelband herausgegeben, der sich der vielfältigen Bestattungskultur dieser Zeitspanne (ca. 1500–1800) widmet. Beteiligt sind daran Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen. Sie vertreten neben der Archäologie der Neuzeit die Anthropologie, Kunstgeschichte, Geschichte, Europäische Ethnologie und Theologie, sowie die Restaurierungswissen-schaft mit ihren differenzierten Untersuchungsmethoden jener Relikte, die in Gräbern und Grüften gefunden werden. Im Jahr der Gründung von "ar.se.n." erschien übrigens in „Ohlsdorf – Zeitschrift für Trauerkultur“ ein ausführlicher Beitrag über die Gruft unter der Parochialkirche in Berlin-Mitte, die im vorliegenden Band in verschiedenen Beiträgen eine Rolle spielt und deren Erforschung sozusagen als Ausgangspunkt der Arbeitsgemeinschaft angesehen werden kann.

Die ersten drei Beiträge der Publikation kann man als mehr oder weniger populärwissenschaftliche Einführung in das Thema ansehen. Im Einzelnen geht es um Kirche und Konfession in Mittelalter und Neuzeit; den Wandel der Friedhöfe vom 14. bis zum 19. Jh. zusammen mit den zugrunde liegenden Veränderungen der christlichen Glaubenswelt, sowie um die Kirchenbestattungen vor und nach der Reformation.

In ihrem Beitrag „Bei den Heiligen? Grüfte als neuer Bestattungsort der Oberschicht“ gehen Daniel Krebs und Juliane Lippok dann auf die Entwicklung der Kirchenbestattungen ein und konstatieren, dass ab der Mitte des 16. Jh. zwar ein grundlegender Wandel der Begräbniskultur in den protestantischen Territorien zu beobachten ist, dass dieser aber überraschenderweise nicht aus einer Abkehr von Bestattungen in der Kirche besteht. Das hohe Prestige des Bestattungsplatzes in der Kirche blieb offenbar trotz des Verlustes der theologischen Begründung weiterhin ausschlaggebend. Daher entstanden auch in protestantischen Gebieten neue Gruftanlagen, die anfangs dem Herrscherhaus, später auch Adeligen und reichen Bürgern gehören. Dem Umbruch im Bereich der christlichen Todesvorstellung durch die Reformation geht Daniel Krebs in einem weiteren etwas späteren Beitrag noch einmal ausführlich nach.

Die Vielfalt der Gruftbestattungen führen Regina und Andreas Ströbl vor. Sie merken an, dass die meisten Grüfte in das 17. und 18. Jh. datieren und fragen nach, warum die Grabkultur der Oberschicht sich in dieser Zeit so auffallend veränderte. Ihrer Ansicht nach bieten Familiengrüfte gerade vor dem Hintergrund massiver sozialer Krisen stabile Wegmarken von einer hohen identitätsstiftenden Potenz.

Die folgenden Beiträge greifen einzelne Bereiche der jeweils ander Erforschung von historischen Bestattungen beteiligten wissenschaftlichen Disziplinen auf. Dabei geht es um die unglaublich vielfältige Ausgestaltung von Särgen, ebenso wie um die Kleidung und eine ganze Reihe weiterer Gegenstände, die in den Gräbern aufgefunden worden sind. Die anthropologische Untersuchung sterblicher Überreste wird thematisiert, sowie die daraus erkennbaren, teilweise äußerst harten Lebensbedingungen in der Frühen Neuzeit. Zur Kenntnis dieser Lebens- und „Sterbens“-bedingungen tragen zudem historische Quellen wie Leichenpredigten und Kirchenbücher bei, auf die ebenfalls in einem Artikel eingegangen. Ein besonderes Kapitel der Medizingeschichte bilden die Grabfunde sogenannter Fontanellenbleche. Die Erklärung ihrer Funktion als Wundabdeckung bildet zusammen mit den zugehörigen Bildern dieser Funde einen aufschlussreichen Beitrag zur Medizingeschichte.

Ein letzter Abschnitt thematisiert die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Disziplinen und die daraus gewonnenen Erkenntnisse in Bezug auf vier verschiedene Grablegungsorte: Vorgestellt werden die „Untere Fürstengruft“ im Dom zu Schleswig, Grüfte der Klosterkirche Riesa, Erbbegräbnisse der Oberschicht an der Hauptkirche in Wolfenbüttel und Friedhöfe am Schlossplatz in Berlin-Mitte.

In einem Schlusswort weisen die Herausgeber noch einmal auf ihre – mit der Publikation durchaus erfüllte – Intention hin, einen Denkanstoß zum Verständnis des kulturellen Umgangs mit dem Tod in der frühen Neuzeit zu geben.  

Den Abschluss machen ein Autoren-, sowie ein Literaturverzeichnis und der notwendige Bildnachweis. Da die Beiträge ganz und gar ohne Anmerkungen auskommen, sind die kapitelweise gegliederten Literaturangaben hier von besonderer Bedeutung für weitere Forschungen.

Bettina Jungklaus / Juliane Lippok / Daniel Krebs / Michael Malliaris, Gräber, Grüfte und Gebeine. Tod in der Frühen Neuzeit. Sonderheft 25/2022, Jahrgang 3/2022 der Zeitschrift „Archäologie in Deutschland“, wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) Darmstadt, 2022, 112 S. zahlreiche Abb.,   (Hinweis: Die wbg hat 2023 Insolvenz angemeldet. Die Publikation ist aber noch erhältlich.)