Sonntag, 20. Dezember 2009

Patenschaftsgräber - jetzt auch auf dem Alten Friedhof in Gießen

Zwei Grabsteine von Joh.Baptist Scholl d.Ä.
auf dem Alten Friedhof in Gießen (Foto Dagmar Klein)


Jetzt hat auch die Stadtverordnetenversammlung Gießen beschlossen, dass zum Erhalt der historischen Grabmäler auf dem Alten Friedhof künftig Patenschaften - und zwar inklusive dem Nutzungsrecht für Urnenbestattung - erlaubt sein sollen.

Zwar ist der Alte Friedhof Gießen entwidmet. Doch war er seit langem eine Grünanlage mit Ausnahmeregelung für Bestattungen in Grabstätten mit fortbestehendem Nutzungsrecht. Diese Klausel der Ausnahmeregelung, die auch denkmalpflegerische Aspekte einbezog, wurde 1992 gestrichen; Nutzungsrechte sollten nicht mehr verlängert werden. Noch ist nicht ganz sicher, ob die neue Regelung nur eine Rückkehr zum Status vor 1992 bedeutet oder ob sich daraus weitere Schutzmöglichkeiten für die historische Grabmalkultur ergeben werden, denn die Einzelheiten stehen noch aus.

Der Magistrat soll bis Mitte 2010 eine Vorlage dazu erarbeiten. Der Antrag war von der SPD-Fraktion gestellt worden, die damit eine seit langem vertretene Forderung des Freundeskreis Alter Friedhof Gießen (Arbeitsgruppe im Oberhessischen Geschichtsverein Gießen e.V., www.ohg-giessen.de ) aufgegriffen hat. Der Magistrat, bestehend aus VertreterInnen von vier Parteien, verspricht sich einen Beitrag zur Sicherung der Pflege des Kulturdenkmals Alter Friedhof. Die SPD hatte in ihrem Antrag das vorbildliche bürgerschaftliche Engagement des Freundeskreises besonders gewürdigt.

Montag, 14. Dezember 2009

Kunstschätze auf dem Leipziger Friedhöfen

Das ist der Untertitel der - hier schon am 2. November vorab angekündigten - neuen Publikation über die Grabmalkultur in Leipzig. Der erste Band dieser als Reihe geplanten Publikation ist grafisch ansprechend aufgemacht und enthält großformatige Fotos aller vorgestellten Grabmale, von denen manche sogar mit mehreren Detailsfotos dem Betrachter nahe gebracht werden. In diesem ersten Band geht es nur um Werke von dem Leipziger Südfriedhof, von dessen sepulkralem Reichtum die stimmungsvollen Bilder einen guten Eindruck vermitteln. Insgesamt sieht der Autor eine Anzahl von ungefähr 1000 Grabmalen auf den Friedhöfen der Stadt als erhaltenswert an und plant ihre Publikation.

Zu den Abbildungen gesellen sich ausführliche Texte, die über den Zeitpunkt der Grabmalaufstellung, die Besteller und die ausführenden Künstlern informieren. In sie ist manch eine Anekdote eingewoben, so dass - auch für "Nicht-Leipziger" - die Vergangenheit der Stadt lebendig wird. Natürlich geht es bei den Familien, deren aufwändige Grabmalskulpturen und -aufbauten vorgestellt werden, immer um die sogenannten Oberen Zehntausend, denn nur sie konnten sich solche repräsentativen Grabmale leisten. So nimmt es nicht Wunder, das in diesem Band über solche Persönlichkeiten berichtet wird, wie den Maßstabfabrikanten Hermann Leistner - Vater des Künstlers Albrecht Leistner - oder den Kaufmann Richard Konze, der sich um die Unversehrtheit seines kostbaren neubarocken Grabaufbaus sorgte; den Buchhändler Julius Klinkhard, der mit einem vollplastischen Bronzeporträt vertreten ist; Albert Böhme, den Generaldirektor einer Schokoladenfabrik, oder Alma Freifrau von Stolzenberg, um nur einige wenige Namen und unter ihnen auch die einzige Frau zu nennen, die in diesem Band mit einem eigenen Grabmal Erwähnung gefunden hat.

Die ausgewählten Grabmale stammen dabei nicht nur aus der Blütezeit der Sepukralplastik um 1900, sondern reichen zeitlich bis in die 30er Jahre hinein. Zum Schluß werden, nach einer ausführlichen Selbstdarstellung des Autors noch die beiden Bildhauer Prof. Adolf Lehnert und Albrecht Leistner, die besonders viele Grabmale gestaltet haben, mit einem jeweils eigenem Beitrag gewürdigt. Ein letzter Artikel gilt der interessanten Geschichte der Friedhofsglocken: Die ursprünglichen vier Bronzeglocken mussten nämlich 1942 als Metallspende abgegeben werden; 1952 bekam der Friedhof zwei neue Stahlglocken, die aber 1961 aus politischen Gründen entfernt wurden. Im Jahr 1992 fand der Autor auf dem Friedhofsgelände eine Bronzeglocke auf, die inschriftlich 1702 zu datieren ist. Sie ist inzwischen dank seiner Initiative zur neuen Friedhofsglocke geworden.

Insgesamt hat der Autor mit dieser Broschüre den verdienstvollen, ersten Abschnitt eines ausführlichen Grabmalkatalogs der Leipziger Friedhofskultur vorgelegt. Sein Buch ergänzt den umfassenderen Führer über diesen Begräbnisplatz, den Katrin Löffler, Iris Schöpa und Heidrun Sprinz im Jahr 2000 veröffentlicht haben. Denn als Friedhofsführer ist die neue Publikation nicht zu verstehen, informiert sie doch weder über die Lage der einzelnen Grabmale noch verrät sie über die Friedhofsanlage mehr als das Datum der Einweihung. Für diese Informationen muss man auf die ältere Publikation zurückgreifen. Bei den geplanten Folgebänden der Reihe wäre eine Einführung in die jeweilige Friedhofsgeschichte und ein Lageplan zur Abrundung sicher wünschenswert.


Alfred E. Otto Paul, Die Kunst im Stillen. Kunstschätze auf Leipziger Friedhöfen. No. 1. Leipzig 2009, 95 Seiten, zahlr. farbige Abbildungen. Die Broschüre hat leider keine ISBN-Nummer bekommen undkann zur Zeit nicht über den Buchhandel bezogen werden, sondern nur über die Paul-Benndorf-Gesellschaft zu Leipzig unter info@paul-benndorf-gesellschaft.de
oder telefonisch unter 034297 –12305 zum Preis von ca. 9 Euro + Versandkosten.

Donnerstag, 10. Dezember 2009

Greifswalder Friedhofskalender für 2010

Titelseite Fotokalender (Foto Anja Kretschmer)
Auch für das kommende Jahr hat der "Förderverein der Alte Friedhof Greifswald e.V." wieder einen Fotokalender über seinen Friedhof erstellt. Er enthält viele Informationen zu den einzelnen abgebildeten Gräbern sowie zur Friedhofsgeschichte. die besonders deswegen interessant ist, weil sich in ihr das Vorbild des Dessauer Gottesackers mit seiner Vier-Felder-Anlage wiederspiegelt. Außerdem werden den aktuellen Aufnahmen historische Fotos gegenüber gestellt.

Der gesamte Erlös soll diesmal in die Sanierung einer der ältesten Grabgruften Vorpommerns, die Gruft der Familie Haselberg, fließen. Sie ist immer noch das besondere Sorgenkind des Vereins, der braucht dringend finanzielle Eigenmittel benötigt, damit auch die Stadt und das Land Mecklenburg-Vorpommern diese äußerst wichtige Sanierung unterstützen. Auch überregionale Hilfe ist hier sehr willkommen!



Der Kalender ist über die email-Adresse: kretschmeranja@hotmail.com zu bestellen und koste 10,- Euro zzgl. Versand.

Sonntag, 6. Dezember 2009

Johan Thorn Prikker - Ein Mausoleum auf dem Düssseldorfer Nordfriedhof

Buchcover (Foto Leisner, mit fr. Genehmigung Grupello Verlag Düsseldorf)
Mit dieser schmalen Neuerscheinung aus dem Grupello-Verlag in Düsseldorf wird ein Bauwerk vorgestellt, das wahrscheinlich auf keinem anderen Friedhofs seinesgleichen findet: Das Mausoleum des Textilkaufmann Gustav Nahrhaft, das 1983 von Elke und Heinrich Riemenschneider in Patenschaft übernommen und sorgfältig restauriert wurde, ist ein Kleinod der Kunst der Zwanziger Jahre.

Sein zweigeschossiger Innenraum wurde von dem niederländischen Künstler Johann Thorm Prikker mit Malereien, Glasfenstern und Mosaiken ausgestaltet, durch die der Innenraum zu einem ungewöhnlichen Gesamtkunstwerk geworden ist.

Ihm sind die meisten der exzellenten Fotos von Walter Klein gewidmet, die den größten Teil des Buches ausmachen. Der Text von Melanie Florin gibt dazu kompetent und in gebotener Kürze einen Überblick über den Künslter und Lehrer an verschiedenen Kunsthochschulen Thorn Prikker und sein Gesamtwerk, über das Bauwerk und seine Ausstattung sowie über seine ehemaligen und seine heutigen Besitzer.

Das gebunde Buch mit seiner ansprechenden äußeren Aufmachung - auf der Vorderseite des Einbands ist die Front des Mausoleums, auf der Rückseite ein Mosaikausschnitt abgebildet - und seiner aufwendigen Gestaltung publiziert dieses besondere sepulkrale Gesamtkunstwerk in einer wunderbar angemessenen Form.


Info zum Buch: Johann Thorn Prikker. Ein Mausoleum auf dem Düsseldorfer Nordfriedhof. Mit Fotos von Walter Klein und einem Text von Melanie Florin. Grupello Verlag Düsseldorf. ISBN 978-3-89978-082-6   

Freitag, 4. Dezember 2009

Verfall und Restaurierung - das ehemalige Mausoleum Schröder (heute Kretschmer)

Mausoeleum Kretschmer, nachdem die Bäume gefällt wurden (Foto Leisner)
Das ehemalige Mausoleum der Bankiersfamilie Schröder auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg ist jahrzehntelang vernachlässigt worden. Die Friedhofsverwaltung hatte kaum Möglichkeiten zur Erhaltung, solange es sich noch in Besitz der Familie befand, die an ihrem Erbe keinerlei Interesse hatte.

In diesem Jahr aber ist die Ruhezeit abgelaufen und das Mausoleum - es gilt als der größte Bau seiner Art in Nordeuropa - fiel in das Eigentum der Verwaltung zurück. Die Hoffnung, dass jemand für diesen großen und maroden Bau die Patenschaft übernehmen würde, war äußerst gering.

Mausoleum Kretschmer
(Foto Peter Wachsmann)
Doch das Unglaubliche geschah: In dem Hamburger Investor Klausmartin Kretschmer fand sich ein Pate, der das historische Gebäude sanieren will und eine kulturelle Nutzung plant.

Mausoleum Kretschmer
(Foto Peter Wachsmann)
Inzwischen wurden die Bäume gefällt, die in langen Jahren auf den Zellengruften an der Außenmauer hochgewachsen waren. Die in diesen Gruften Bestatteten wurden pietätvoll in der Nähe des Mausoleum in der Erde wiederbeigesetzt. Danach konnte das Gebäude dem neuen Nutzer übergeben werden. Am Totensonntag lud er nun einen Kreis von Freunden und Interessierten zu einer ersten Besichtigung ein.

Mausoleum Kretschmer
(Foto Peter Wachsmann)
Noch muss viel getan werden: Die Mauern und Wände sind durch die lange Vernachlässigung feucht geworden; der Putz ist von der Eisenbetonkuppel gefallen und darunter rosten die Eisenträger; der feuchte Putz hat während seiner langen Liegezeit auf dem farbigen Marmorboden seine Spuren hinterlassen und die bunten Glasfenster sind wenigstens zur Hälfte zerstört. 


Zu erfahren war, dass in den nächsten Monaten (und Jahren?) als erstes die Wände mit einer besonderen Methode trocken gelegt werden sollen. Das heißt, dass es sicher noch einige Zeit dauern wird, bis das renovierte "Mausoleum Kretschmer" seiner Bestimmung als Ort für kulturelle Veranstaltungen in der Öffentlichkeit in Erscheinung treten wird.

Freitag, 20. November 2009

Dresden - Restaurierung abgeschlossen

Die Initiative Innerer Neustädter Friedhof in Dresden hat ihr erstes großes Restaurierungsprojekt abgeschlossen und weist darauf auf ihrer Internetseite hin, die man hier aufrufen kann. Es handelt sich um das Epitaph des Kaiserlich-Russischen Staatsrats und Ritters Wassili von Armstrong, dessen großes Segelschiff jetzt wieder farbig erstrahlt.

Dienstag, 10. November 2009

Friedhofskultur ist Lebenskultur

Blaskapelle in Ohlsdorf (Foto Günter Lindemann)
Unter dem diesem Titel hat Helge Adolphsen, Haupt- pastor em. der Hamburger St. Micha- eliskirche, den Festvortrag zum 20. Jubiläum des Förderkreises Ohlsdorfer Friedhof e.V. gestellt.

Wie schon berichtet, war diese Feier in die Veranstaltungen zum Tag des Friedhofes in Ohlsdorf integriert.

(Foto Günter Lindemann)
Die Verwaltung hatte ein großes Aufgebot an Aktivitäten für die Besucher aufgebaut: Sie reichten von Kutschfahrten über eine Beerdigungskapelle, die New Orleans Jazz spielte, bis zum Hubkran, von dem man den Friedhof aus der "Perspektive der Engel" sehen konnte.

(Foto Günter Lindemann)
Da der Vortrag des Festredners grundsätzliche Gedanken zum Thema Friedhofskultur anspricht, danke ich Hauptpastor em. Helge Adolphsen sehr herzlich, dass er mir erlaubt hat, ihn hier zu veröffentlichen.


Die Bilder von dem Tag des Friedhofs und dem Jubiläum hat das langjährige Förderkreismitglied Günter Lindemann zur Verfügung gestellt

Helge Adolphsen

Friedhofskultur ist Lebenskultur

Festvortrag anlässlich 20 Jahre Förderkreis Ohlsdorf
Verein für Kultur und Denkmalpflege


Von Herzen gratuliere ich allen, die zum Förderkreis Ohlsdorf gehören: dem Vorstand, den Friedhofsführern und allen Mitgliedern. Was Sie tun, ist wichtig, es strahlt aus, es ist Kulturpflege. Am liebsten würde ich jetzt sofort mein Glas mit dem Wein „Ewig Leben“ erheben und Prosit zu Ihnen sagen – was ja übersetzt heißt: Es möge weiter vielen Menschen auch in den nächsten Jahren nützen, was Sie so engagiert tun. Aber erstens gibt es ein Glas dieses Weines später, in dem ja immer Lebensfreude ist – in der Bibel steht der wunderbare Satz: „Der Wein erfreut des Menschen Herz“ (also nicht nur die Sinne und den Magen!). Und zweitens will ich erst reden und dann mit Ihnen anstoßen.

Zwanzig Jahre arbeiten für den weltgrößten Parkfriedhof. Zwanzig Jahre Anteil nehmen an ihm und das landschaftliche und kulturelle Gesamtkunstwerk mitgestalten. Tun, was der Friedhof nicht kann. Und das mit großem ehrenamtlichem Einsatz, mit Freude und Kompetenz. Mit wissenschaftlichen Beiträgen, mit nicht zu zählenden Führungen. Mit der Restaurierung von kulturhistorisch bedeutsamen Grabmalen. Mit Exkursionen nach Berlin und Wien, wertvollen Beiträgen zur Kultur und Denkmalpflege. Kultur heißt Pflege, meint Pflege auch des denkwürdigen Erbes derer, die vor uns gelebt und uns sichtbare Zeugnisse ihres Lebens, ihres Denkens und ihrer inneren Auseinandersetzung mit Sterben und Tod, mit Trauer und einer langen Bestattungskultur hinterlassen haben. Was Sie getan haben und tun, ist nicht rückwärtsgewandt.
Es ist keine Form nostalgischer Traditionsverklärung. Das ist kein Hobby von Sonderlingen.

Der Verein hat vor einigen Jahren die Patenschaftsaktion für bedeutende Grabmale initiiert. Die Stadt hat das übernommen. Wir vom Hamburger Michel haben ein Grabmal von der Familie Döhner erhalten. Wir haben ganz in der Nähe von Kapelle 1 eine Gemeinschaftsgrabstätte eingerichtet. Das Motto lautet: „Im Leben, im Sterben und im Tod zusammenbleiben.“ 75 Michaeliten haben sich gefunden, ihr Grab gekauft, pflegen den Kontakt miteinander, sind zu jeder Beisetzung eingeladen. Ein Zeichen im Widerstand gegen die wachsende Anonymität in unserer Gesellschaft, gegen den kalten „einfachen Abtrag“, gegen die Veränderung von Sterben und Tod in guter christlicher Tradition.

Und das verdanken wir dem Förderkreis Ohlsdorf. Und dem Friedhof, mit dem der Verein so hervorragend zusammenarbeitet. So wirkt der Verein in der Öffentlichkeit. So erfolgreich nimmt er seinen Beitrag für die Bildungsarbeit und die Sepulkralkultur wahr.

Im Jahr 2006 hat der Förderkreis eine Auszeichnung für sein Wirken durch die bundesweite Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal erhalten. In der Urkunde steht als Begründung dafür: „für besondere Leistungen und Haltungen im Bereich der Sterbe-, Bestattungs-, Friedhofs- und Trauerkultur“.

So umfassend sehen Sie als Mitglieder ihren selbstgewählten Antrag. Vierfache Kultur: Sterbe-, Bestattungs-, Friedhofs- und Trauerkultur. Aber ein Auftrag und eine kulturelle Dimension fehlen. Die füge ich hinzu: die Erinnerungskultur. Ich betone:

Pastor Helge Adolphsen
(Foto Günter Lindemann)
1. Friedhofskultur als Lebenskultur ist Erinnerungskultur
Ich bin in Schleswig aufgewachsen. Unweit des Domes gibt es den Holm, eine alte Fischersiedlung. Im Rund um den Friedhof mit einer Kapelle eine Straße mit alten Häusern und „Klöndören“. Auf der Straße spielen Kinder Fußball. Wenn der Ball über den Zaun auf die Gräber des Friedhofs fällt, klettern die Buttjes rüber und holen ihn sich wieder. Findet eine Beisetzung statt, nehmen alle Holmer und Mitglieder der „Holmer Beliebung“ daran teil. Der Verkehr ruht. Wer nicht mehr gehen kann, schaut aus den „Klöndören“ und nimmt Anteil. Wenig später spielen die Kinder wieder Fußball. Tod und Bestattung – mittendrin. Das ist eine traditionelle städtebauliche Form der Erinnerungskultur: Sterben und Tod mitten im Leben. Nicht ausgegrenzt aus dem Alltag, der Tod nicht an die Ränder verdrängt. Sinnenfällige Lehre nach dem biblischen Satz aus Psalm 90: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden.“

Klug, sinnvoll, bewusstseins- und lebensfördernd ist es, nicht zu sagen „Lasst uns essen und trinken, arbeiten und viel Geld verdienen, konsumieren und vegetieren, morgen sind wir tot.“

Ich finde den Satz der Nonne Coretta hilfreich für ein bewusstes Leben im Blick auf die letzte Grenze des Lebens: „Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens.“ Darin steckt weder Todessehnsucht noch Weltflucht. So leben wir bewusst. So sind wir Realisten.

Max Frisch beschreibt diese realistische und kluge Sicht so: „Wir leben und sterben jeden Augenblick, beides zugleich… Und da wir nur leben, indem wir zugleich sterben, verbrauchen wir das Leben wie eine Sonne ihre Glut verbraucht.“

Wenn ich hier auf Ohlsdorf bin, dann denke ich oft: Die Toten hier, die mit bekannten Namen und die Unbekannten, sind nicht meine Toten. Ich kenne ihr Leben nicht. Aber sie können zu meinen Toten werden. Nicht erst, wenn auch ich auf der Gemeinschaftsgrabstätte St. Michaelis liege. Ich lerne z.B. an den Gräbern für die Widerstandskämpfer, was Menschen nie angetan werden sollte. Ich sehe Bilder des Schreckens, des Schmerzes und der Trauer vor mir. Ich sehe auch Bilder geglückten und erfüllten Lebens. Die Toten gehören zu mir. Heimat ist auch da, wo die Toten einen sichtbaren Platz haben. Und auch einen Platz in unseren Herzen. Es ist wichtig, ihr Geschick dem Vergessen zu entreißen. Die Erinnerung ist ein Akt des Erbarmens. Das Vergessen der Toten macht unsere Welt kalt und unwirtlich. Man lernt von ihnen, woher man kommt. Und Zukunft haben kann nur der, der eine Herkunft hat. Die Erinnerung macht den Tod der Menschen vor uns zu einem Erbe und zu einer Verpflichtung.

Friedhofskultur ist als Lebenskultur Erinnerungskultur

2. Friedhofskultur als Lebenskultur ist Besinnungskultur
Ich genieße es geradezu, wenn ich einen Trauerzug anführe und wir eine der vielen Straßen auf Ohlsdorf überqueren müssen. Autos bleiben stehen. Die Autofahrenden werden gezwungen, zu warten und - hoffentlich - den Motor abzustellen. Ich ahne, dass bei manchen Stress und Termindruck entsteht und wie der Adrenalinspiegel steigt. Schnelligkeit wird heute zur Schnelllebigkeit. Zeit zur Ware. Viele sind dauernd auf der Überholspur, atemlos, gehetzt und als Dauerläufer.Der Tod gebietet, zu schweigen, den Lärm abzuschalten, Oasen der Ruhe und der Stille zu entdecken. Manche brauchen den Zwang dazu, brauchen Entschleunigung und Besinnung.

Den Autofahrenden möchte ich dann einen Text von Jewgeni Jewtuschenko über den Zeitnotstand in die Hand geben:
„In Zeitnot geraten wie in ein Netz ist der Mensch.
Atemlos hetzt er durch sein Leben und wischt sich den Schweiß.
Ein Fluch des Jahrhunderts ist diese Eile.
Es wird ganz eilig gezecht und ganz eilig geliebt,
ganz tief sinkt die Seele dabei.
Man mordet ganz eilig, vernichtet ganz eilig.
Ganz eilig sind später Reue und Buße vorbei.
Halt an, bleib’ doch stehen,
der du wie auf fallendem Laub über Gesichter stampfst
und sie nicht ansiehst.
Halt an, bleib’ doch stehen;
(Foto Günter Lindemann)
du hast Gott vergessen und schreitest über dich selbst hinweg.“

Friedhofskultur als Lebenskultur ist Besinnungskultur

3. Friedhofskultur als Lebenskultur ist Kultur des Respekts

Ich war früher als Dozent im Hamburger Predigerseminar Jahr für Jahr mit 12 Vikaren im Rahmen ihrer Ausbildung auf Ohlsdorf. Die schweigende Anwesenheit bei Trauerfeiern mit Geistlichen und mit Rednern, Gespräche mit dem Friedhofspastor – so etwas gibt es nur auf Ohlsdorf…! -, Besichtigung der Verbrennungsöfen und Gespräche mit Mitarbeitern des Friedhofs gehörten zum Tagesprogramm. Aus dem Mund eines langjährigen Mitarbeiters sprudelte es nur so heraus: „Da kam neulich doch ein junger Mann zu mir und fragte: "Wann entsorgen Sie denn nun endlich meinen Alten?"

Jeder Mensch ist ein Original, keine Kopie, keine Nummer und kein Fall. Nicht nur die Würde der Lebenden ist unantastbar, auch die jedes Toten.

In meiner Sprache: Jeder Mensch ist ein einmaliger Liebesgedanke Gottes aus Fleisch und Blut. Und jeder Tote fällt nie aus der Liebe Gottes heraus. Und darf darum nicht aus der Liebe der Menschen herausfallen. Ein respekt- und würdeloser Umgang mit Toten ist Zeichen einer Unkultur.

Es gibt in Hamburg ein historisches Beispiel für eine solche Unkultur:Die Nazis ließen einen großen Teil der Dammtorfriedhöfe mit den unwiederbringlichen Grabmalen, den Zeichen einer Gedenk- und Erinnerungskultur, einebnen. Sie gestalteten dann den Friedhof zum Aufmarschplatz für militärische Propagandademonstrationen. Und dann wehten dort Hakenkreuzfahnen, wo früher Gräber und Grabsteine waren. Marschlieder gegen Trauerlieder, Trost- und Mutmachgesänge. Kaum zu glauben heute, diese Grabschändung, dieses Kulturbanausentum! Und das im Namen des angeblich unsterblichen großen Führers. Und schon mit der Absicht, vielen Menschen und Völkern millionenfach Tod zu bringen.

Zwei Gegenbeispiele:
Frau Susanne Schniering hatte eine Totgeburt. Sie hatte es abgelehnt, das tote Kind zu sehen. Damit wurde sie nicht fertig. Sie beschloss, einen Gedenkplatz für totgeborene Kinder auf Ohlsdorf zu schaffen. Mit einem Kunstwerk als Grabmal. Jährlich finden im September Gedenkstunden dort statt. Ich habe vor zehn Jahren ihren Plan unterstützt.

Am 2. Juli dieses Jahres wurde hier im Garten der Frauen der Grabstein für Domenica Niehoff enthüllt. Ich kannte sie: Nicht von der Herbertstraße, sondern als Streetworkerin und Betreuerin für drogenabhängige Mädchen auf dem Straßenstrich. Im NDR habe ich mit ihr eine Woche lang täglich eine Sendung mit ihren liebsten biblischen Geschichten gemacht. Eine schillernde Persönlichkeit und eine umstrittene Frau. Aber eine mit Herz.

Der Grabstein zeigt das Portrait, Vor- und Nachnamen, Geburts- und Todesdatum. Auf der Oberfläche liegt ein aus Stein geformtes Akanthusblatt – ein altes Symbol dafür, dass eine schwere Arbeit geleistet wurde. Nachzulesen in der Zeitschrift des Förderkreises aus diesem Jahr mit dem Thema „Friedhofsführer“. Die Gestaltung dieses Grabsteins hat der Künstler und Steinmetz Bert Ulrich Beppler übernommen. Er ist auch Mitglied des Förderkreises. Dazu hat er noch den Stein gestiftet.

Das sind zwei von vielen Beispielen für einen respektvollen Umgang mit der Gedenk- und Erinnerungskultur. Und ein Beleg für die stilsichere Arbeit des Künstlers und des Vereins für Kultur- und Denkmalpflege.

So wird der Tod nicht unsichtbar. So werden unsere Toten nicht einfach entsorgt. So fallen sie nicht dem Vergessen anheim. So bleiben sie gegenwärtig.Anders ist es bei Kreuzfahrtschiffen. Angesichts des Durchschnittsalters der Passagiere bringt man vor dem Ablegen Särge vorsichtshalber nachts an Bord, möglichst unauffällig.

Die Zahl der anonymen Bestattungen steigt. In Berlin wird fast jeder Zweite anonym beigesetzt, doppelt so viel wie vor fünfzehn Jahren. In westdeutschen Großstädten 60 – 70 %. Beisetzungen in Friedwäldern werden immer beliebter. Die traditionelle Friedhofskultur wird erweitert um vielfältige neue Formen.

Ich habe immer dafür plädiert, die Toten lesbar und sichtbar zu halten. Ihre Namen sind wichtig für die Kultur des Gedenkens. Wir sind nicht namenlose und gleich-gültige Wesen. Wir sind, weil wir im Leben, im Sterben und im Tod nicht vergessen sind. Wir sind, weil jemand uns ansieht, uns bemerkt und nicht übersieht. Wir sind, weil jemand sich an uns erinnert. Im Leben und im Tod.

In der Bibel findet sich ein schönes Bild. Nach ihm sind unsere Namen eingeschrieben in das Buch des Lebens. Unsere Toten sind und bleiben so im Gedächtnis Gottes, aufgeschrieben im Buch des Lebens.

Für mich sind darum alle Grabsteine auf diesem großen Friedhof Ohlsdorf mit ihren Namen und Lebensdaten Hinweise auf das Buch des Lebens. Ohlsdorf ist kein Ort der Toten, sondern des Lebens. Der weltgrößte Parkfriedhof liest sich wie ein Buch des Lebens. Friedhofskultur als Lebenskultur ist eine Kultur des Respekts.

Darum sage ich zum Schluss:
Was der Förderkreis Ohlsdorf mit seinen Bemühungen im Bereich der Sterbe-, Bestattungs-, Friedhofs-, Trauer- und Erinnerungskultur leistet, ist Kulturarbeit. Sie dient dem Leben. Denn nach wie vor gilt der Satz:

„Sage mir, wie du mit den Toten umgehst. Und ich sage dir, wie du mit den Lebenden umgehst.“