Freitag, 4. November 2011

Der Saarbrücker Hauptfriedhof - Buchrezension

Buchcover (Foto Leisner, mit fr. Genehmigung
des Conte-Verlag)
Rainer Knauf ist schon mit einer ganzen Reihe von Arbeiten - besonders über den Soldatentod und die Grab- und Ehrenmale für Gefallene - hervorgetreten. Jetzt liegt seine Dissertation zur  zivilen und militärische Friedhofs- und Grabmalgestaltung im 20. Jahrhundert als Publikation vor. Das umfangreiche Werk beschäftigt sich mit der Entwicklung des Saarbrücker Hauptfriedhofes und zwar von seiner Planung ab dem Jahr 1912 bis 1959; dem Zeitpunkt, an dem man begann den neuen Teil des Friedhofes zu belegen.

Vorausgeschickt wird als "Ausgangslage" eine ausführliche allgemeine Friedhofsgeschichte, in der Knauf sowohl die architektonischen wie die landschaftlichen Friedhöfe und ihre Mischformen einzugrenzen versucht, als auch ausführlich auf die Friedhofsreform eingeht. Dabei ist es sein Verdienst, dass er anhand einer ganzen Reihe von Friedhofsplänen klar stellt, dass "Friedhofstypen" selten in "reiner" Form auftreten.

Nachdem der Abhandlung der Vorplanungen für den Saarbrücker Hauptfriedhof bildet die Darstellung des Ehrenfriedhofs für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges einen ersten Hauptteil der Arbeit. Dieser Ehrenfriedhof ist insofern eine Besonderheit, als diese Grabstätten schon angelegt und eingeweiht werden mussten, bevor die eigentliche, also die zivile Friedhofsanlage eingerichtet wurde. Vorbildlich für diesen Friedhofsbereich wurde das sogenannte Ehrental in der Nähe der Stadt, das ausführlich erläutert wird. Dieses  Ehrentahl wurde für die auf beiden Seiten Gefallenen der Kämpfe auf den Spicherer Höhen im Krieg von 1870/71 angelegt. Zusammenfassend wertet der Verfasser die Ehrenanlage auf dem Friedhof aus mehreren Gründen als sepulkralgeschichtlich bedeutend: zum einen aufgrund ihres "teilweise zivilen Gepräges, das durch die Grabmalsetzungen seitens der Angehörigen" zustande gekommen ist - eine Möglichkeit, die nur von wenigen anderen Friedhöfen bekannt ist; diese Möglichkeit hat auch dazu geführt, dass es auf dem Saarbrücker Ehrenfriedhof eine Reihe von künstlerisch gestalteten Grabmälern gibt, wie man sie sonst auf den meist gleichförmigen Soldatengräbern ebenfalls selten findet; zum anderen hat man hier die Gräber der gegnerischen Gefallenen in die Gesamtanlage integriert. Mit beiden Argumenten belegt Knauf eine enge "Verzahnung" von Bevölkerung und Militär in Saarbrücken. Der Bedeutung der Anlage trägt das Buch im Anhang mit einem vollständigen Inventar der privaten Grabmale des Ehrenfriedhofs  Rechnung.

Den zweiten Hauptteil widmet der Verfasser dem eigentlichen Hauptfriedhof, der ab 1914 angelegt wurde. Sein Hauptaugenmerk gilt dabei der Gestaltung der Friedhofsanlage, die er ausführlich beschreibt und mit zahlreichen Plänen und Ansichten belegt. Beginnend mit dem endgültigen der Gestaltung zugrunde liegenden Ideenwettbewerb, gibt er eine ausführliche Erläuterung sowohl der prämierten als auch der übrigen Wettbewerbsentwürfe, um dann die spätere Ausführung der Anlage die sich - wie bei Friedhöfen üblich - über Jahrzehnte erstreckte, gründlich zu analysieren.

Dabei kommt er zum zweiten Mal auf die Friedhofsreform zu sprechen und zeigt, dass die Ideen der Reformer für den Saarbrückener Hauptfriedhof eine wichtige Rolle spielten (S.215) und schreibt,  "Ziel war es, anstelle großer, öder Grabfelder, 'die man ängstlich dem Auge entziehen müsste', kleinere Räume, Gräbergärten, zu schaffen, 'die in ihrer Raumwirkung den Kirchhöfen der alten Zeit sich nähern' und besondere Stimmungswerte vermitteln". Trotzdem kommt er merkwürdigerweise zu dem Schluss, dass "die Kennzeichnung des ...friedhofs  als 'Reformfriedhof' ... zu unsprezifisch, ja obsolet" erscheint (S. 219). Hier wäre eine genaue Begriffsbestimmung hilfreich gewesen, die zwischen Friedhofsutopien und den -  historisch in eine Umbruchzeit eingebetteten - Reformideen klarer unterschieden hätte. Wobei anzumerken ist, dass diese Ideen sich auch in anderen Bereichen, wie z.B. dem Städte- und Wohnungsbau mit der  Forderung nach sozialer Gerechtigkeit und Gleichheit, widerspiegeln.

Zum Schluss seiner Arbeit stellt Knauf dann die Baulichkeiten der Anlage ebenfalls mit zahlreichen Ansichten und Plänen vor und widmet ein letztes Kapitel den Grabmalen des Friedhofs, auf die er allerdings eher kursorisch eingeht. Insgesamt bietet die Arbeit einen intensiven Einblick in die Friedhofsgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und kann in dieser Beziehung als beispielhaft gelten. Umfangreiche Anmerkungen, ein ebensolches Quellen- und  Literaturverzeichnis, sowie ein Personenregister runden die ambitionierte Arbeit ab.

Rainer Knauf: Zivile und militärische Friedhofs- und Grabmalgestaltung – Der Saarbrücker Hauptfriedhof 1912-1959. Saarbrücken 2010, Conte-Verlag, 366 Seiten, s-w Abbildungen. ISBN 978-3-941657-24-3, Preis € 32,00

1 Kommentar:

Barbara Leisner hat gesagt…

Diese Rezension hat dazu geführt, dass der Autor und ich noch einmal über den Terminus Reformfriedhof diskutiert haben. Er schrieb: "Ich ... möchte mir spontan eine Anmerkung hierzu erlauben... Auf den Seiten 215-219 habe ich – auch unter Anführung zeitgenössicher Friedhofsutopien wie praktizierter Konzepte – versucht zu zeigen, das der Begriff „Reformfriedhof“ an sich ja schon sehr unspezifisch ist bzw. sich einer genauen Begriffsbestimmung entzieht. Offenbar ist mir dies nur bedingt gelungen (...). Mir scheint der Begriff jedenfalls wenig geeignet, einen bestimmten Friedhofstyp zu charakterisieren. Zudem habe ich in meiner Arbeit für eine präzisere Terminuswahl bei der Bestimmung von Friedhofsanlagen plädiert. Die Thematik wird auch in der Zusammenfassung S. 335 mit Anm. 1133 vertieft. Dementsprechend habe ich den Saarbrücker Hauptfriedhof letztlich als Mischung aus Waldfriedhof und architektonisch gegliedertem Gruppenfriedhof mit Schwerpunkt auf letzteren charakterisiert. Die Bezeichnung „architektonisch gegliederter Gruppenfriedhof“ hat der Högg-Schüler Hans Melchert geprägt (s. S. 56), sie sollte meines Erachtens in der Sepulkralforschung verstärkt für die entsprechend gestalteten Friedhöfe dieser Zeit verwendet werden."

Meine Antwort war: "Ich glaube, dass könnte ein guter Anlass sein noch genauer zu definierenden, was wir unter Reformfriedhof verstehen wollen.

Ich habe bisher immer darunter verstanden, dass die Planer bei diesen neuen Friedhöfen - hauptsächlich der 20er Jahre, aber in der Idee schon bei Grässel vorgeformt - im Gegensatz zu den Großstadtfriedhöfen des
19. Jahrhunderts kleinere Friedhofsräume, also Gräbergärten, schaffen wollten, in denen - wie es für den Linneteil von Ohlsdorf so oder ähnlich heißt - jedes Grab einen eigenen ästhetisch ansprechenden Platz erhält.
Das war natürlich besonders im Gegensatz zu dem Parkfriedhofsteil von Ohlsdorf gemeint, denn dieser wurde von den Reformern zumindestens in Hamburg nach der Jahrhundertwende nicht mehr gelobt, sondern eher
angefeindet. Es hieß, dass die Orientierung dort schwierig sei, die
großen Reihengrabfelder öde aussahen und hinter Pflanzungen und einer
Reihe von Familiengräber am Wegrand versteckt wurden. Diese Grabgärten
erkenne ich durchaus in den Plänen des Saarbrückener Hauptfriedhofs
wieder, auch wenn ich natürlich nicht so tief in die Materie
eingestiegen bin wie Sie."

Haben andere Friedhofsfreunde Interesse an einer weiteren Begriffsbestimmung? Kommentare sind durchaus erwünscht!