Sonntag, 29. August 2021

London month of the dead

Screenshot der Website "London Month of the Dead" 2021

In London findet von Ende September bis Ende Oktober wieder der "Monat der Toten" statt, eines der beliebtesten und am meisten erwarteten Festivals im Kalender der Stadt, wie es in der Selbstbeschreibung heißt. Man will zum Thema Tod und Stadt informieren, unterhalten und provozieren. Insgesamt gibt es 48 Veranstaltungen, die alle Aspekte der Sterblichkeit umfassen. Nachdem die Vorträge im letzten Jahr alle online gehalten wurden und nur ein kleines Programm von Friedhofskonzerten im Freien stattfand, finden dieses Jahr 2021 jeden Dienstag Online-Vorträgen statt und daneben gibt es zahlreiche Vorträge und Konzerte mit Publikum ("mit Fleisch und Knochen"), sowie Workshops und geführte Friedhofswanderungen. 

So wird z.B. bei einer Führung durch den Friedhof von Abney Park das Thema "Spiritualisten und Mystik" in den Mittelpunkt gestellt und dabei das Grab von Georgiana Eagle besucht, die sich mit Hilfe einiger Gedankenlesetricks schon als hellseherisches Medium auftrat, bevor die Spiritualismus-Bewegung begann. In der Dissenter's chapel auf dem Kensal Green Cemetery berichtet der Historiker Robert Stephenson (alias Dr. Death) über fünf grausige Londoner Verbrechen des 20. Jahrhunderts. Oder man kann sich durch einige der Mausoleen des Highgate Cemetery West führen lassen, die der Friends of Highgate Cemetery Trust restauriert hat. Hier reicht allerdings der Platz nicht aus um das ganze vielfältige Programm vorzustellen, das auch für ein deutsches Friedhofsfestival vorbildlich sein könnte...

Übrigens werden 20 % der Ticketeinnahmen den jeweiligen Veranstaltungsorten gespendet und es gibt geführte Touren auf den großen Londoner Friedhöfen Highgate, Kensal Green, Abney Park, Nunhead und West Norwood. Bei allen Führungen außerhalb der Friedhöfe sind außerdem Spenden an einen der Friedhöfe, die als die "glorreichen Sieben"gelten, möglich (neben den genannten sind das noch Brompton und Tower Hamlets). Die 20%-Spende für die Online-Gespräche und die meisten anderen Veranstaltungen in gehen an die Freunde des Kensal Green Cemetery und die wertvolle Arbeit, die sie beim Erhalt der historischen Denkmäler und Gebäude auf dem Friedhof leisten. 

Eine Liste aller Veranstaltungen und mehr Infos (auf Englisch) findet man hier.

Mittwoch, 25. August 2021

Soldat - Kind - Zwangsarbeiterin - Deserteur

Dieser - etwas sperrige - Titel mit einer Frage als Untertitel wurde für ein Buch gewählt, das sich mit der Grabanlage für die Soldaten des Ersten und Zweiten Weltkriegs auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg befasst und danach fragt, wer außer den durch die Kriegsereignisse verstorbenen Soldaten in dieser Anlage bestattet wurde. Die Texte von verschiedenen Autoren und Autorinnen gehen den verschiedenen Belegungsphasen dieser Fläche und einer Reihe von Einzelschicksalen nach. 

Da ich das Buch lektoriert und einen eigenen Beitrag geschrieben habe, füge ich hier nur den Flyer mit weiteren Informationen, sowie das Inhaltsverzeichnis an. 

Das Buch wurde in einer niedrigen Auflage gedruckt. Solange der Vorrat reicht, ist es bei der Friedhofsverwaltung und beim Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof erhältlich. Man kann es aber auch herunterladen von der Seite Hamburg.de (Downloads /Publikationen der Landeszentrale für politische Bildung = PDF).

Flyer zum Buch über die Soldatengräber in Ohlsdorf, 1. Seite

Flyer zum Buch über die Soldatengräber in Ohlsdorf, 2. Seite

Inhaltsverzeichnis

Aux morts - Grabskulptur in Dresden 1880-1930

Coverbild des Buches "Aux morts"
Dieses großformatige Buch ist für Taphophile - also Freunde der Grabmalkultur - ein echter Lese- und Schaugenuss. Vorgestellt werden in Text und Bild über achtzig Grabplastiken, die auf verschiedenen Dresdener Friedhöfen anzutreffen sind. Sie sind chronologisch nach dem Lebensalter ihrer Schöpfer angeordnet. Für alle, die es unbedingt gegendert haben wollen: Unter die insgesamt fünfzig im Text genannten Künstler mischen sich mit Clothilde Schilling, Julie Genthe und Jenny von Bary-Doussin (Doussin-Ott) immerhin drei Bildhauerinnen! 

Eine kenntnisreiche Einleitung führt in die Entwicklung der Grabmalkunst und gibt einen Überblick über die Werke, denen die nachfolgenden Seiten gewidmet sind. Ein abschließender Beitrag von Astrid Nielsen befasst sich mit den Denkmalen für die Gefallenen und das Erinnern an den Ersten Weltkrieg in Dresden. Der heutige Umgang mit den Kunstwerken wird schließlich von Beatrice Teichmann mit einem Aufruf zur Übernahme von Grabmalpatenschaften thematisiert. 

Zwischen diesen Polen werden die gezielt ausgesuchten Grabmalplastiken in Wort und Bild vorgestellt. Dazu hat der Autor großartige Fotos beigesteuert, denen man anmerkt, dass Tages- und Jahreszeit mit ihren jeweiligen Belichtungsverhältnissen genau abgepasst wurden, um die einzelnen Skulpturen, die Grabmale in ihrer Gesamtheit und ebenso die liebevoll ausgesuchten Details an ihren angestammten Plätzen leuchten zu lassen.

Die Texte informieren ausführlich sowohl über die Künstler und Künstlerinnen, wie über die Bestatteten. Dazu kommt eine kenntnisreiche Einordnung der Werke in die zeitgenössische Kunstentwicklung und speziell in die Grabmalkunst. Berühmte Vorläufer zu einzelnen Werken werden zitiert, wie z.B. das "antike Weihrelief des Strengen Stils, auf dem in ganzer Figur die so genannte 'Trauernde (oder Sinnende) Athene' abgebildet ist", die Vorbild für eine schlichte Stele mit dem Kopf der Athene mit Speer im Halbrelief von Karl Albiker war (S. 157). Die Texte schließen auch die Aufstellung von Kopien und ihre industrielle Reproduktion - besonders im Bereich der Galvanoplastik - mit ein und erlauben so eine Vielzahl von Bezügen zu anderen Friedhöfen.

(Es sei eine persönliche Anmerkung erlaubt: Mir gefällt natürlich besonders gut, dass das zweibändige Werk über den Ohlsdorfer Friedhof, an dem ich einst federführend mitgearbeitet habe, ausführlich für Referenzen genutzt worden ist.)  

Natürlich werden in diesem Buch hauptsächlich in Dresden ausgebildete und/oder vor Ort lebende  Bildhauer vorgestellt. Wie überall haben die Auftraggeber und Auftraggeberinnen die örtlichen Künstler bevorzugt. Doch erhält man zugleich einen guten Überblick über die wichtigsten deutschen Zentren der Bildhauerkunst um 1900 und ihre Protagonisten, zu denen u.a. Künstler wie Johannes Schilling, Gustav Eberlein, Adolf von Hildebrand, Wilhelm Wandschneider, Georg Wrba und Hugo Lederer gehörten Auffällig ist dabei, dass sich unter den Werken nur eines befindet, das von einem italienischen Künstler geschaffen wurde, obwohl die Grabmalplastik in Italien in dieser Zeit in hoher Blüte stand. 

Insgesamt ist dieses Buch über die Grabskulptur in Dresden eine echte Bereicherung auf dem Feld der sepulkralen Kultur- und Kunstgeschichte.


Andreas Dehmer, Aux Morts : Grabskulptur in Dresden 1880-1930, Verlagsgruppe Schnell&Steiner, Regensburg 2020, zahlr. farbige Abb. 35,00 Euro

Dienstag, 10. August 2021

Evangelische Friedhöfe in Bayern

Buchcover
Mit diesem umfangreichen Werk wird erstmals ein Überblick über die evangelisch-lutherischen Friedhöfe in Bayern vorgelegt. Zusätzlich enthält es ein Verzeichnis von sämtlichen, sich in evangelisch-lutherischer Trägerschaft befindlichen und heute noch genutzten Friedhöfen in diesem Bundesland.

Das Buch besteht aus zwei einander ergänzenden Teilen: Zum einen sind unter verschiedenen Obertiteln eine Vielzahl von Aufsätzen zur evangelischen Friedhofskultur und -geschichte in Bayern zusammengefasst, wobei andere Religionen und deren Bestattungsgeschichte nicht außer Acht gelassen werden. Zum anderen werden in dem Buch insgesamt 61 ausgewählte Friedhöfe aus allen Regionen Bayerns beispielhaft in Text und Bild vorgestellt.

Das Werk ist eines der Ergebnisse eines 2018 initiierten Forschungsprojektes, das von den beiden Herausgebern, Prof. Dr. iur. Hans-Peter Hübner und Prof. Dr. theol. Klaus Raschzok, am Lehrstuhl für Praktische Theologie der Augustana-Hochschule in Neuendettelsau betreut worden ist. Zielvorgabe war, dass kirchliche Friedhofsträger durch das Projekt "bei der Bewältigung der strukturellen und gestalterischen Herausforderungen angesichts des Wandels der Bestattungs- und Trauerkultur" fachlich unterstützt werden sollen. Über dieses Ziel geht die Publikation allerdings weit hinaus. Sie nicht nur für kirchliche Friedhofsträger, sondern auch für jeden sonst von Interee, der oder die mit Friedhöfen befasst ist oder an ihnen Anteil nimmt. 

Donnerstag, 5. August 2021

Digitale Salongespräche zur Friedhofskultur

Das Kuratorium Immaterielles Erbe Friedhofskultur gibt einen Newsletter heraus, mit dem man gut über seine neuesten Aktivitäten informiert bleibt. 

Zu letzteren gehört die Einladung zu sogenannten digitalen Salongesprächen. Dazu werden zur Feierabendzeit auf Zoom Menschen eingeladen, die aus eigener Erfahrung zu den neuen Entwicklungen der Friedhofskultur Stellung nehmen können. 

Jeder Salon steht unter einem bestimmten Thema, zu dem zunächst ein Experte (w/m/d) interviewt wird. Eingeladen werden - wie es in der Ankündigung heißt - Persönlichkeiten, "die nicht direkt aus der Friedhofsszene kommen und die mit einem Blick von außen auf die Friedhofskultur in Deutschland schauen." 

Danach gibt es Raum für Diskussionen, sowie anschließend die Möglichkeit zu informellen Zusammentreffen auf dem Salongelände: "Ob am digitalen ‚Gruft-Grill‘, in der ‘Kultur-Kantine‘ oder am ‚Trauer-Thresen‘ – jeder kann sich in unserem digitalen Raum frei bewegen und in Kleingruppen das persönliche Gespräch suchen."
 Die Teilnahme ist kostenfrei. Detaillierte Informationen findet man hier.

Die Termine für 2021 sind:

Mittwoch, 29.9.2021,18.00 Uhr, Prof. Dr. Christoph Wulf, Vorsitzender der UNESCO-Expertenkommission zum Immateriellen Kulturerbe und stellv. Vorsitzender der Deutschen UNESCO-Kommission: "Das Immaterielle Kulturerbe und die Friedhofskultur in Deutschland"

Donnerstag, 28.10.2021, 18.00 Uhr, Dr. Johann Hinrich Claussen und Dr. Jakob Johannes Koch, Kulturbeauftragte der EKD und der Deutschen Bischofskonferenz: "Christliche Friedhofskultur"

Donnerstag, 25.11.2021, 18.00 Uhr, Corinne Buch, Dipl. Biologin und Forscherin: "Artenvielfalt und Naturschutz auf urbanen Friedhöfen"

Mittwoch, 14. Juli 2021

Ohlsdorfer Friedensfest 2021

Auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg wird nach einem Jahr pandemiebedingter Einschränkungen die Tradition des Friedensfestes am Mahnmal für die Bombenopfer, im Garten der Frauen und an anderen Orten des Friedhofs wieder aufgenommen. Es findet vom  Samstag, 24. Juli bis Sonntag 8. August 2021 statt. Das Bündnis, das diese Veranstaltung organisiert, wird sich in der Eröffnungsveranstaltung vorstellen und dazu gibt es die Ausstellung „Facing Death“ von Claudia Guderian, Vorträge und Führungen. Das ganze Programm kann man dem unten stehenden Flyer entnehmen oder auf der Seite der Friedhofsverwaltung nachlesen. Auch der Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof ist wie immer mit Führungen vertreten.  

Am Samstag, 7. August wird dort um 13.00 Uhr auch das neue Buch vorgestellt, dass der Runde Tisch zum Gräberfeld "Deutsche Soldatengräber" herausgibt und in dem die Geschichte dieses Gräberfeldes aufgearbeitet wird. Auch daran ist der Ohlsdorfer Förderkreis beteiligt. Ich selbst habe dafür einen Beitrag über die Grabmale geschrieben, die an diese Stelle transloziert worden sind, und verantworte zudem das Lektorat.



Freitag, 2. Juli 2021

Friedhöfe - Orte für Artenvielfalt, Naturschutz und Begegnung

Cover des Buches: Sigrid Tinz, Der Friedhof lebt 
In diesem Blog habe ich schon darauf hingewiesen, dass das Thema Natur auf Friedhöfen an Aktualität gewinnt (Pflanzen leben auf). Dazu sind hier jetzt zwei weitere Publikationen zu vermelden. 

Sigrid Tinz hat ein Buch geschrieben, dass Besuchern und Verantwortliche dazu anleitet den Friedhof als Ort der Artenvielfalt näher kennen zu lernen. Die Autorin ist Geoökologin und zeigt mit einem "Rundgang durch den Garten Eden" die Orte auf Friedhöfen bzw. auf einem aus verschiedenen Friedhöfen zusammengedachten Musterfriedhof auf, wo man besondere Pflanzen finden und Tiere und Insekten beobachten kann. 

Mit ihr geht man vom Friedhofseingang aus auf "weichen Wegen" zu den "Häusern für die Toten", die zugleich "Lebensraum für Tiere" sind, weiter zu den Heckenräumen, zu Ruheorten wie Bänken und Pavillons, und weiter über Wasserflächen, Blumenbeete, Grabsteine als Lebensräume, gemeinsamen Grabstätten mit naturnaher Bepflanzung wie Blumenwiesen, leere Gräber und damit sich selbst überlassene Flächen und unter Bäume. 

Die Autorin beschreibt jeweils unter der Überschrift "Sie fühlen sich hier wie im Paradies", was es an diesen Orten zu sehen und zu erleben gibt, bevor sie unter der ebenfalls stets wiederkehrenden Überschrift "So wird es noch paradisischer" Tipps gibt, wie diese Lebensräume so gestaltet werden können, dass sich kleine und größere Tiere und verschiedene Pflanzenarten dort noch wohler fühlen und vermehrt ansiedeln können. 

So geht man schon beim Lesen auf "Friedhofs-Entdeckungsreise" und lernt Vögel, Fledermäuse und Flechten und anderes Getier kennen, von dem man nicht unbedingt vermutet, dass es auf dem Friedhof zu Hause sein kann. Zugleich nimmt einen das Buch sozusagen an die Hand, wenn man Friedhöfe besucht und nicht nur Geschichte und Kultur im Sinn hat, sondern für die Natur - besonders die Welt der Natur im Kleinen - Augen und Ohren öffnet. Zugleich ist das Buch eine Anleitung, die zeigt, wo Verantwortlich den Naturschutz in ihrem Bereich stärken können.

Wer noch mehr über die Autorin erfahren will, sei auf diesen Artikel in der Kirchenzeitung des Bistums Hildesheim hingewiesen.

Sigrid Tinz, Der Friedhof lebt! Orte für Artenvielfalt, Naturschutz und Begegnung, 160 Seiten, zehlr. farb. Abb, Pala Verlag 19,90 Euro 

Cover: Lebensraum Friedhof


Zum anderen ist die Publikation der Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Naturschutz e.V. und der Stiftung Naturschutz Berlin mit dem Titel "Lebensraum Friedhof - Naturschutz auf Friedhöfen" erschienen, in der es mehr oder weniger um dasselbe Thema geht. Allerdings bilden hier verständlicherweise die Berliner Friedhöfe den Ausgangspunkt. Sie werden mit ihrer Geschichte und den gesetzlichen Grundlagen vorgestellt und es geht um Bestattungsformen und -möglichkeiten ebenso wie um ihre Bedeutung als Kultur- und Gartendenkmäler. Deshalb ist ein weiterer Teil des Buches auch der Friedhofsgestaltung im Wandel der Kulturen in Verbindung mit den verschiedenen historischen Gartenstilen gewidmet. Erst dann geht es nach einer kurzen Abhandlung über die Pflanzensymbolik um den Naturschutz auf Friedhöfen, wobei auch in dieser Publikation typische Biotope, wie Hecken und Gebüsche, Rasen oder Wiese, Bäume, Mauern und Steine als Lebensraum genannt werden und darauf hingewiesen wird, dass es keine nutzlosen Flächen gibt! 

Empfehlungen zum Naturschutz auf Friedhöfen runden diesen Teil der Publikation ab, bevor Tipps zum Besuch ausgewählter Friedhöfe, weiterführende Literatur und Adressenangaben als praktische Hinweise angehängt sind. 

Während das Buch von Sigrid Tinz Lust macht, selbst Friedhöfe unter ökologischen Gesichtspunkten zu entdecken, ist die Publikation des Autorenteams des Berliner Naturschutzes - sozusagen naturgemäß - wesentlich sachlicher, allerdings nicht weniger informativ gehalten.

GRÜNSTIFT special 23: Stiftung Naturschutz Berlin Hrsg.), Lebensraum Friedhof - Naturschutz auf Friedhöfen, Internet: www.Naturschutz-auf-Friedhöfen.de