Dienstag, 25. September 2012

Friedhofsgipfel - Trauer und Trost im 3. Jahrtausend



Unter diesen etwas hoch gegriffenen Titel hatte die  Verbraucherinitiative Bestattungskultur - Aeternitas e.V. am 18.9.2012 in das Bestattungsforum in Ohlsdorf eingeladen. Gekommen war eine bunte Mischung aus Journalisten und Fachleuten der unterschiedlichsten Richtungen, die alle auf ihre Weise am Friedhof und seiner Zukunft interessiert waren.

Geboten wurden neben einer Führung über den Friedhof und durch das neue Bestattungsforum zwei Vorträge und eine als Überraschung angekündigte Tanzvorführung besondere Art: Dr. Felix Grützner zeigte - begleitet von Olga Dubowskaja auf einer russischen Domra - den Anwesenden nämlich seine Kunst als Lebenstänzer, mit der er auf Trauerfeiern  Angehörigen die Möglichkeit gibt auf eine ganz neue und eindringliche Weise den eigenen Verlust zu begreifen.


Frau Dr. Scherres erläutert die Grabanlage der
Familie Canel (Foto Leisner)
Vorher erläuterte Frau Prof. Gerlinde Krause von der Fachhochschule Erfurt unter dem Titel "Was ihr wollt, wie es euch gefällt" mögliche zukünftige Friedhofsentwicklungen. Zu Beginn skizzierte sie die derzeitige Lage folgendermaßen: Seit 2008 ist die Zahl der Feuerbestattungen höher als die der Erdbestattungen und dieser Trend setzt sich zur Zeit fort; seit ihrer Einführung 2001 steigt die Zahl der Wälder, in denen bestattet wird, kontinuierlich an, wobei allerdings zur Zeit ihre Zahl insgesamt nur wenige Prozente aller Bestattungen ausmacht; gleichzeitig gibt es auf den deutschen Friedhöfen geschätzte 15 000 Hektar sogenannter Überhangflächen, also Friedhofsflächen, die zwar gepflegt werden müssen, die man aber zur Zeit - und wahrscheinlich auch in Zukunft - nicht zum Bestatten benötigen wird. Zugleich verwies die Referentin auf den demografischen Wandel, der zum einen zuerst zu einer Abnahme und später zu einem Anstieg der Todesfälle führen wird, da immer mehr Menschen immer älter werden, wobei allerdings die Migration und damit die kulturellen Veränderungen noch außen vor gelassen sind.

Vortrag von Frau Prof. Dr. Krause (Foto Leisner)
Ihr Fazit aus diesen Statistiken war zum einen, dass der demografische Wandel die Landschaften verändern und ganze Dörfer aussterben werden. Zum anderen, dass Sterben alltäglich werden wird und es deshalb nötig ist die nachfolgenden Generationen mit Tod, Bestattung und Friedhof vertraut zu machen. Zugleich sieht sie in Zukunft eine noch größere Vielfalt der Lebensformen als Folge der Migration; einen Rückgang der Zahl der Ehepaare und eine Zunahme der Zahl Alleinerziehender, das heißt insgesamt eine Singularisierung der Menschen und eine neue Wertschätzung von Freunden, die zur Wahlfamilie werden. Außerdem ist damit zu rechnen, dass sich regional differenziert Armut weiter ausbreiten wird.

Was bedeutet das für den Friedhof der Zukunft, den die Referentin sowohl als Versorgungsträger wie als Wirtschaftsunternehmen und zugleich auch als "emotionalen Ort" definierte? Krause zitierte eine Bachelorarbeit, die Friedhöfe in Hamburg und Saarbrücken miteinander verglichen hat und zu dem erstaunlichen und in der anschließenden Diskussion auch in Frage gestellten Ergebnis gekommen ist, dass kleine Stadtteil-Friedhöfe von der Bevölkerung höher wertgeschätzt werden als größere parkartige Anlagen. Sie stellte dann die Möglichkeit von "Nachnutzungen" von Friedhöfen vor. Dabei erstaunte es schon, dass die Nutzung aufgelassener Friedhöfe als Park negativ bewertet wurde, obwohl sie an manchen Orten schon lange vorhanden ist - man denke an den heutigen Wohlers Park in Hamburg-Altona oder den alten nördlichen Friedhof in München, um nur zwei bekannte Beispiele zu nennen. Als weitere Nutzungsmöglichkeiten nannte die Referentin die Umwandlung in Kleingärten, Sport- und Freizeitanlagen, Ackerland, Baumschulen, Flächen zur Regenrückhaltung, Tierfriedhöfe, Entsorgungsplätze für Wohnmobile - eine Idee, die allerdings nicht favorisiert wird, Bebauungsflächen, Anlagen für alternative Energiegewinnung, Flächen für Wald- und Forstwirtschaft.

Als gravierendstes Problem der Zukunft aber stellte Prof. Krause die Friedhöfe im ländlichen Raum heraus und erläuterte das damit, dass in diesen Gegenden heute noch - aber wahrscheinlich nicht mehr lange - die regelmäßige Friedhofspflege zum Lebensstil gehört. Was aber geschieht mit diesen Friedhöfen, wenn diese Generation nicht mehr das ist? Diese Frage stellte die Referentin an den Schluss ihrer Ausführungen.

Prof. Dr. Norbert Fischer stellt seine Thesen vor (Foto leisner)
Am Nachmittag referierte Prof. Dr. Norbert Fischer von der Hamburger Universität über "Die neue Vielfalt: Friedhof, Identität und Heimat". Er stellte drei aktuelle Trends  an den Anfang: Die Friedhöfe verlieren zum Teil schon jetzt und verstärkt in Zukunft das bisher gewohnte Ordnungsmuster aus Einzel- und Familiengrabstätten; Naturlandschaften und Gemeinschaftsanlagen werden zu Leitbildern und damit werden Friedhöfe sich in ein Mosaik von Miniatur-Landschaften verwandeln.

Nach zwei einführenden Bildern zur historischen Friedhofskultur erläuterte Prof. Fischer seine Thesen an zahlreichen Beispielen, wie z.B. den seit 2009 entstehenden "Memoriamgärten" bzw. den schon etwas älteren Themengrabstätten auf dem Ohlsdorfer Friedhof, den 2003 und 2007 geschaffenen Grabflächen "Mein letzter Garten" auf dem Hauptfriedhof Karlsruhe oder dem Auengarten in Bergisch-Gladbach. Der Vergleich mit den heute beliebten Indoorlandschaften, die an vielen Orten zum Entspannen und Regenerieren einladen, führte deutlich vor Augen, warum er von Miniatur-Landschaften spricht.

Zugleich ließ er aber auch die Geschichte nicht draußen vor, sondern wies darauf hin, dass landschaftliche Bereiche innerhalb der Parkfriedhöfe schon viel früher eine ähnliche Gestaltung aufwiesen. Auch die Begräbnisstätten im Wald und damit die Sehnsucht nach der Natur band er in diese Ausführungen ein und zeigte an weiteren Beispielen, wie Friedhöfe diese Sehnsucht nach romantischen und beschaulichen Orten für sich nutzen und in Zukunft darauf aufbauen können.

Auch er weist auf die Singularisierung der Menschen hin. Mit dem Bedeutungsverlust von Familie und Kindern gewinnen seiner Meinung nach neue postmoderne Strukturen an Einfluss, sichtbar in  einer neuen "corporate identity" auf dem Friedhof, also z.B. den gemeinschaftlichen Aidsgrabstätten,   dem Garten der Frauen auf dem Ohlsdorfer Friedhof, wo es im Übrigen auch schon die Gemeinschaftsgrabstätte von Mitgliedern der Kirchengemeinde St. Michaelis gibt, oder den Grabstätten für die Anhänger von Fußballclubs.

Ein weiterer Aspekt besteht laut Fischer in dem neuen gefühlsbetonteren Umgang mit dem Tod; sichtbar z.B. in den inzwischen fast unzähligen Grabstätten für totgeborene Kinder. Gerade diese Grabstätten zeigen sozusagen eine neue "Unordnung", bieten die Möglichkeit persönliche Gegenstände abzulegen, sind nicht durchorganisiert. Damit beginnt hier ein Trend zu einer größeren Auflösung der Grenzen, sowohl der Grabstätten als auch der Aktzeptanz von unterschiedlichen Geschmacksvorstellungen, die in Zukunft sicher noch neu ausdiskutiert werden müssen, wie die Diskussion über die vielen kleinen Engel ergab, die sich inzwischen auf allen Friedhöfen finden.

Ein Fazit der bunten Folge von Beispielen war am Schluss, dass die Zukunft wahrscheinlich eine weitere Diversifizierung der Freiräume auf den Friedhöfen bringen wird, wobei Ökologie - die neue Kräuterwiese auf dem Ahrensburger Friedhof wurde gezeigt -, Geschichte - z.B. in Form von Grabmalfreilichtmuseen, Ethik - in der Frage nach heutigen Jenseitsvorstellungen - und die Wünsche der neuen Generation von Angehörigen und damit Interessenten am Friedhof eine rolle spielen werden.

In der Diskussion dieses Beitrags wurde von Seiten der Friedhöfe noch einmal deutlich darauf hingewiesen, das man ganz unterschiedliche Rahmenbedingungen hat, z.B. was den finanziellen Spielraum der einzelnen Anlagen betrifft. Dabei ist die Kalkulation der Gebühren ein wichtiges Thema, besonders da alles, was Kultur und Freizeit betrifft, aus diesen Gebühren nicht finanziert werden darf. Gleichzeitig wurde aber an die Friedhofsverwalter appelliert nach den Bedürfnissen ihrer "Kunden" zu fragen und deren finanziellen Spielraum in ihre Planungen einzubeziehen.

Aber auch die Frage der Denkmalpflege wurde angesprochen, wobei auf eine neue "Miniatur-Schloß-Begräbnis-Anlage" auf dem historisch besonders wertvollen Melatenfriedhof in Köln verwiesen wurde, die der Sprecher gerade dort lieber nicht sehen wollte.

Insgesamt war dieser erste "Friedhofsgipfel" der Aeternitas geprägt von einer sehr angenehmen Atmosphäre, in der es auch in den Pausen zu einem lebhaften Austausch zwischen den Anwesenden kam. Allerdings bedauerten die Veranstalter, dass kein Bestatter ihrer Einladung gefolgt war.







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